Was die Hüllen enthüllen

Jüngst habe ich mich mit dem Thema Wahrheit beschäftigt. Dazu ein weiterer Text aus „Der begehbare Kleiderschrank“. Wahrheit mal aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet.

Frau Permaneder hüllte sich in würdevollen Ernst, so erfahren wir es in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ Andere hüllen sich lieber in Schweigen. Und natürlich hüllt sich diese oder jener auch gern in schicke Gewänder.

Es ist eine spannende Frage, was die Kleidung über den Menschen, der sie trägt, verrät. Enthüllen die Hüllen, was sie doch lieber zu verhüllen suchen? Oder ist die Enthüllung gerade das Ziel der Verhüllung? Soll das Gewand bedecken oder offenbaren?

Wenn die Seele ein offenes Buch und jede ihrer Regungen an den Gewändern ablesbar wäre, es wäre wohl das Ende aller Zivilisation. Darum ist es schon willkommen, dass Gewänder mich in Rollen schlüpfen lassen, mir ein Image verleihen, eine Aura gar, die ich nackt nicht verkörpern könnte. Kleider machen Leute, das stimmt schon. Und so ist die Mode eben auch ein Akt der Inszenierung.

Andererseits bleibt es nicht verborgen, wenn Menschen sich verkleiden und die Hüllen nicht auszufüllen vermögen. Wenn sie hinter dem Eindruck zurückbleiben, den sie beim Betreten der Bühne erwecken. Bühnen gibt es immer, aber wenn die Rollen nicht überzeugend ausgefüllt werden, bleibt ein Unbehagen zurück. Und so machen die Leute sich Kleider, die ihnen nicht passen. Und das Lust-Spiel gerät zur Tragödie.

Es scheint, als offenbare die Kleidung, wer ich bin, ohne mich damit zu entblößen. Es scheint aber auch, dass sie gelegentlich den Widerspruch offenbart, der in meinem Selbstbild wohnt. Sie kann mich ehrlich machen und zugleich Trugbilder enthüllen.

Da ich manchmal selbst nicht weiß, ob ich dieser oder jener bin, lässt die Kleidung mir Raum für das Geheimnis. Ich zeige mich, und ich verstecke mich. Beides geschieht vielleicht sogar gleichzeitig. Ich verstecke mich, ohne mich zu verschließen, und ich zeige mich, ohne nackt zu sein. Das Geheimnis ist der Schutzraum. Die ungewollte Entkleidung verletzt hingegen die Würde des Individuums.

Freilich gibt es in diesem Prozess des Enthüllens und Verhüllens immer ein Gegenüber. Die Kleidung sendet Signale, die teils schwer zu entziffern sind. Indem sie verhüllt, weckt sie das Bedürfnis zu enthüllen. (René König). Und das kann durchaus gewollt sein. Anderseits kann sie Distanzierung bewirken und Abstand einfordern. Sie bleibt also rätselhaft und zwiespältig. Mich persönlich hat es schon oft überrascht, dass fremde Menschen mich ob meiner Kleidung ansprachen. Offenbar eröffnet sie Kommunikationsräume, gerade weil sie der Auslegung bedarf. Aber diese haben eben verschiedene Ausgänge.

Einerseits wohnt der Kleidung also die Verheißung der Enthüllung inne, andererseits birgt sie das Geheimnis in sich, das respektiert werden will. Verhüllung und Enthüllung begrenzen einander. „Dieses Kleid ist eine Offenbarung.“ „Gewiss, aber lassen wir besser offen, wovon genau.“

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