Hier wieder einmal ein Beitrag aus meinen modischen Pamphleten: Der begehbare Kleiderschrank. Nächste Lesungen am 3.11.22 und am 25.11.22

Beginnen wir mit einem kleinen Wortspiel: Mal zieht Verbotenes mich an. Mal zieh ich mich verboten an. Verbot’nes reizt mich dann und wann. Es bleibt geheimnisvoll sodann.

Kleiderverbote sind so alt wie die Kleidung selbst. Ihre Geschichte beginnt lange vor Mary Quant und deren skandalumwehter Erfindung namens Minirock. In ihrer materialreichen Untersuchung zu „Teufelshörnern und Lustäpfeln“ hat die Modehistorikerin Gundula Wolter vielfältige Beispiele dafür zusammengetragen, z. B. „geschwänzte Röcke“ (Schleppen), „Teufelsfenster“ (Obergewänder mit tief ausgeschnittenen Armlöchern, die also den Blick auf das Untergewand freigaben), Hörnerfrisuren oder –hauben, Schnabelschuhe, Reifröcke, Mühlsteinkragen oder Schamkapseln. Letzteres waren aufmerksamkeitserregende Auspolsterungen in der Gegend des männlichen Geschlechtsteils, Potenzsignale gewissermaßen. All diese Beispiele galten theologisch als unschicklich und stellten zugleich für die modebewussten Damen und Herren den Gipfel des Schick-Seins dar. Und je mehr die Kirche vor dem „Hosenteufel“ und seinen Gefährten warnte, desto mehr wurden die schicken Teile interessant. Und man fragte sich gewiss auch damals schon: Ist es gut, weil es verboten ist? Oder ist es verboten, weil es gut ist?
Neben den theologisch motivierten Kleiderordnungen kennt die Modegeschichte freilich auch diverse Verdikte politischer Coleur. Zum Beispiel wurden am 1. August 1747 in Schottland die Schottenröcke verboten. Mit dem so genannten „disarming Act“ reagierten die Engländer auf verschiedene Aufstände im Land. Ein für alle Mal sollten die Schotten ihrer schärfsten Waffen beraubt werden. Und das waren, völlig klar, ihre traditionellen Gewänder. Bis zu sechs Monate Haft drohten künftig dem Träger eines Kilts. Möglicherweise aber trug gerade das zu seiner Popularität bei. Wir wissen es nicht.
Eines zeigen solche Verbote allerdings: Mit der Mode ist aus Sicht der Mächtigen nicht zu spaßen. Denn Kleider drücken Identität und vielleicht sogar ein Freiheitsbewusstsein aus. Und wo kämen wir hin, wenn die lieben Untertanen sich die Freiheit nähmen, zu tragen was sie wollen? Möglicherweise kommen sie dann auf den Gedanken, dass eine Jeans nicht einfach eine Hose, sondern eine Lebenseinstellung sei. So etwa formulierte es ein gewisser Edgar Wibeau in Ulrich Plenzdorfs Roman ›Die neuen Leiden des jungen W‹.

Kein Wunder also, dass die genannten „Niethosen“, wie man die Jeans in der DDR nannte, der Staatsführung durchaus suspekt waren und gleichsam als Symbol des Klassenfeinds galten. Ein solches Beinkleid konnte durchaus zum Grund für Schulverweise oder Klubhausverbote werden. Eine Bekannte erzählte mir, dass ihre Eltern zum Schuldirektor bestellt wurden, weil sie Kleidung aus dem Westen trug.
Die Ironie der Geschichte bestand allerding darin, dass Parteichef Erich Honecker persönlich Ende der 70er Jahre eine Million Levi’s-Jeans aus den USA importieren ließ, weil das Verbot der Jeans kaum noch durchzuhalten war. Kurioserweise verkaufte man diese dann in Betriebskantinen und ähnlichen Lokalitäten, da man in den offiziellen Jugendmodegeschäften Hamsterkäufe, endlose Schlangen oder andere unangenehme Begleiterscheinungen des Mangels befürchtete.
Und so hat die Macht die Mode häufig als Konkurrentin betrachtet. Dabei verbündete sie sich mit der Moral, und die beiden gingen Hand in Hand gegen unschickliche Kleider vor. Freilich machte das die verbotenen Gewänder erst richtig gut. Und dazu trugen wohl auch die Illustratoren ihren Teil bei. Nicht selten wurde nämlich die Kritik der Hoffart, welche sozusagen als die Modesünde schlechthin galt, mit übertriebenen Darstellungen unschicklicher Outfits garniert. Sie sollten offenbar abschreckend wirken, erreichten aber möglicherweise genau das Gegenteil. Und so fand ich zum Beispiel vor einiger Zeit in der St. Wolfgang Kirche zu Schneeberg im Rahmen einer Kreuzigungsdarstellung einige Modesünden dargestellt. Freilich so auffallend, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Maler hatte durchaus Freude an solch detailgetreuen Abbildungen des Verbotenen. 1581 erschien in Leipzig eine Schrift „Wider den Kleider-Pluder, Pauß- und Kraußteufel“, ein eigenwilliges Pamphlet gegen diverse Üppigkeiten des Modebetriebs, wie etwa Pluderhosen oder Halskrausen. Hinter all der übertriebenen Kleiderpracht müsse man nach Meinung des Verfassers letztlich den Teufel selbst vermuten. Und so schildert er zum Beispiel, wie ein junger, modisch gekleideter Mann mit einer üppigen Halskrause zum Empfang des Heiligen Abendmahls an den Altar kommt. In seinem Kragen sitzt ein kleines Teufelchen, was er selbst gar nicht bemerkt.

Fragt man bei den Psychologen nach, so verweisen diese im Zusammenhang solcher Verbote auf die so genannte Reaktanztheorie. Sie besagt, dass Einschränkungen der Handlungsfreiheit durch Verbote oder äußeren Druck gewöhnlich genau die Tendenz fördern, das Verbotene zu tun. So gesehen sind Modeverbote nicht immer klug. Wie sind sie aber theologisch zu beurteilen? Wie zu vielen Fragen wird man auch hier natürlich verschiedene Meinungen finden. Mir persönlich scheint ein Satz von Paulus in diesem Zusammenhang beachtlich. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.“ Die eigene Freiheit möge nicht dazu dienen, schwache Gewissen zu bedrücken. Theologisch sind Kleiderverbote nicht wirklich nötig, aber gelegentlich können sie dem respektvollen Umgang miteinander dienen. Und das Tragen oder auch das bewusste Nicht-Tragen bestimmter Kleidungsstücke kann ein religiöses Statement sein. Und so gebe ich es hiermit zu: Immer nehme ich beim Betreten einer Kirche meine Mütze ab. So gehört es sich. Aber warum das so ist, kann ich nicht erklären.
Am Ende dienen die Gebote oder Verbote des modischen Dressings manchmal auch schlicht der Unterhaltung. Und so mögen am Ende noch die folgenden Vorschriften stehen: In North Dakota ist es gegen das Gesetz mit Schuhen einzuschlafen. In Chicago darf man nicht in einem Herrenpyjama fischen gehen. So sei es.


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