Mein Atelier

Gabriele Schwanebeck (@farbeabstrakt), Merlot, 2022

Ab und an geht mein lieber Schatz zur Kosmetikerin. Hinterher fühlt sie sich meist entspannt und natürlich gut aussehend. Obgleich sie für Letzteres keine Kosmetikerin bräuchte.

Nun dachte ich jüngst bei mir: das probierst du auch mal aus. Flugs erhielt ich einen Termin bei Christin. Ich betrat den Salon und wurde zu meiner Überraschung mit folgender Frage begrüßt: Sind Sie Künstler?

Wie ich sodann erfuhr, war Christin der Meinung, dass ein solcher Art gekleideter Mann nur ein Künstler sein könne.

Nun, ich stehe bekanntlich nicht auf Likes. (Gefällt Ihnen das?) Aber doch war mir die Frage irgendwie nicht unsympathisch. Gleichzeitig war ich mir unsicher, welche Art von Kunst ich denn für mich beanspruchen dürfe. Zum Literaten fehlt mir die Professionalität, zum Musikus die Disziplin für regelmäßiges Üben. Malen kam mangels Talent nicht in Frage, und so verfiel ich recht bald auf die verhüllenden Künste. Man muss ja nicht gleich den Reichstag verhüllen, wie Christo und Jean-Claude. Aber doch: James, der Verhüller. Das klang nicht schlecht.

So kam’s, dass mein Kleiderschrank seitdem als mein Atelier fungiert. Meine Pinsel sind die Einstecktücher, die Schnürsenkel meine Stifte. Die Socken sind des Töpfers Ton und die Krawatten meine Noten.

Zwar meinte Oscar Wilde seinerzeit, die Mode sei so hässlich, dass sie aller sechs Monate gewechselt werden müsse. Aber Hässlichkeit war noch nie ein Kriterium zur Beurteilung von Kunst. Und so geschieht es hier und da, dass mir die Mode zur Meisterin der Inspiration und Imagination wird. Was kann Kunst besseres vollbringen? Ja, mein Atelier hat mich schon so manchen Morgen mit guter Laune und Optimismus für den Tag ausgestattet. Ob ich deswegen zum Künstler berufen bin, weiß ich nicht. Aber dankbar bin ich auf jeden Fall, dass mein Schöpfer gar fein Beinkleid, Wams und Schuh erschaffen und mich der Illusion, ein Teil der verhüllenden Künste zu sein, nicht gänzlich entfremdet hat.

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