
Ich bin ein Freund der Wörter.
Manchmal habe ich Freude daran, über die Herkunft von ungewöhnlichen Wörtern nachzudenken. Das regt mich an, eigene Geschichten zu erfinden, wie ein bestimmtes rätselhaftes Wort seinen Ursprung nahm. In diesem Sinne habe ich beispielsweise an früherer Stelle einmal das Wort Opferputz so interpretiert, dass es die Garderobe bezeichnet, die man sich vom Munde abgespart hat. Natürlich weiß jede, dass das nicht stimmt. Aber schön ist es trotzdem.
Auch mag ich Wörter, die man nicht wirklich versteht, die aber einfach schön klingen. Solches trifft etwa auf beknuseln oder beklütern zu. Es wäre geradezu töricht, euch zu verraten, was sie bedeuten. Gewiss wären sie dann ihrer Schönheit beraubt. Aber natürlich will ich euch nicht gänzlich enttäuschen und euch daher nicht vorenthalten, was ein Feldkrekel oder Fensterrecht ist. Über Ferdinand reden wir besser nicht.

Weiterhin schätze ich solche Wörter, die an sich gut verständlich sind, aber kaum oder gar nicht mehr verwendet werden.
Zur letztgenannten Gruppe zähle ich das Wort Bücherkämmerer. Es ist an und für sich gut verständlich. Vermutlich wird jeder wissen, dass damit niemand gemeint ist, der Bücher kämmt. Wer würde solches auch tun? Vielmehr wird es wohl jemand sein, der einer Bücherkammer vorsteht. Ein Bücherwart ist ja auch keiner, der auf Bücher wartet. Scheinbar ist aber der Bücherkämmerer ausgestorben und man spricht gewöhnlich vom Bibliothekar oder gar von der Büchereiverwalterin.
Ich bin aus verschiedenen Gründen dafür, den Bücherkämmerer wieder einzuführen. Man könnte damit sehr schön ausdrücken, dass die Bücherkammer gleichsam eine Schatzkammer ist. Mit selbigem und nichts anderem hat ein Kämmerer zu tun. Ein Kämmerer hat den Überblick über vielerlei Kostbarkeiten. Schön finde ich auch die Verbindung zwischen Bücherkammer und Kleiderkammer. Wenn ich in einer Wohnung mit ganz vielen Zimmern leben dürfte, würde ich gewiss ein Bücherstübchen mit Ankleidekammer haben. Unter einem Kämmerer stelle ich mir weiterhin jemanden vor, der mit Sorgfalt und Respekt über seine Schätze wacht. Solches verdienen die Bücher zweifellos.

Nun, wie bin ich aber eigentlich in das Reich des Bücherkämmerers gelangt? Den Anlass bot mir eine feines Büchlein mit dem Titel: Unerhörte Auswahl vergessener Wortschönheiten. Es bietet eine illustre Versammlung von heutzutage unbekannten Wörtern, welche vor etwa 250 Jahren von Johann Jakob Spreng zusammengestellt wurde. Das Werk gelangte zu Lebzeiten des Autors nicht zur Veröffentlichung, sondern erst 250 Jahre später. Es ist gewiss ein Buch, dass die wenigsten vermissen würden, wenn es nie erschienen wäre. Gerade darum mag ich es, und darum passt es auch in die Schnürsenkelkolumne. Denn ich lasse mich am liebsten von Dingen inspirieren, die keiner zu brauchen scheint oder die als nebensächlich gelten. Als Bücherkämmerer wären mir die klitzekleinsten am liebsten. Aber das Wort klitzeklein zu erklären, wäre nun wieder eine ganz eigene Geschichte.
Lieber zeige ich euch zum Schluss diejenige, deren Kämmerer ich mit höchsten Vergnügen wäre.


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