Sprengstoff

Bei Sprengstoff denke ich zuerst an Dynamit-Harry aus den Olsenbandefilmen, der im wirklichen Leben Preben Kaas hieß. Bei seinen Sprengungen explodierten vor allem die Lachmuskeln, was zweifelsohne nicht der Erfolg war, den er anstrebte.

Mir geht es heute um Sprengstoff ganz anderer Art. Und das ist auch nicht die Robe, deren Schönheit manch Brille zu sprengen vermag. Was auch nicht zu verachten wäre. Denn durchaus bin ich explosiven Outfits gegenüber aufgeschlossen.

Könnte man auch als Sprengstoff bezeichnen

Mein Stoff sind Geschichten über Herrn Spreng und über sein Projekt, dem er große Sprengkraft zutraute, das aber dann nicht so richtig zündete.

Johann Jakob Spreng. Geboren wurde er an Silvester 1699, quasi auf den letzten Drücker des 17. Jahrhunderts. Nach seinem Studium der Theologie war er unter anderem Professor für Beredsamkeit und deutsche Poesie. Da könnte man fast neidisch werden, denn solch ein Fachgebiet findet man selten. Später lehrte er Schweizer Geschichte und, nicht zu vergessen, auch Griechisch. Ziemlich genau eigentlich meine Interessen, wenn man die Geschichte nicht ausschließlich auf die Schweiz beziehen mag. Vielleicht wurde er mir deswegen schnell sympathisch, als ich ihn jüngst kennen lernte. Zeitweise wirkte er übrigens auch als Hauslehrer und Pfarrer oder trat als Dichter und Redenschreiber in Erscheinung. Offenbar ein ziemlich dynamischer Typ.

Johann Rudolf Huber, Bildnis Johann Jacob Spreng (um 1740/45, Wikipedia)

25 Jahre lang arbeitete Spreng an einem Großprojekt namens „Allgemeines deutsches Glossarium“. Dieses sollte praktisch den kompletten deutschsprachigen Wortschatz aus Geschichte und Gegenwart enthalten. Innovativ war daran, dass er die Wörter auch jeweils in deutscher Sprache beschrieb beziehungsweise erklärte. (Bis dahin war solches der lateinischen Sprache vorbehalten.) Dies tat er nicht selten in einer eigenwilligen Weise. Manche Worterklärungen umfassen eine halbe Buchseite. Somit wirkt das Werk ein bisschen wie eine Mischung aus Duden und Enzyklopädie. Oder in Anlehnung an einen der Herausgeber seines Werkes könnte man es als eine kommentierte Ansammlung von Wortschönheiten bezeichnen. Gewissermaßen hat Spreng die Worte zum Defilee auf den Laufsteg geschickt.

Spreng war eine Art Staubsauger der Worte. Unablässig durchforstete er alle ihm zur Verfügung stehenden Quellen auf neue, bis dato unbekannte Wortexemplare. Als er starb, hinterließ er ein Werk von 20 Manuskriptbänden und mehreren tausenden Umschlägen voller Zetteln. Eine Sammlung von etwa 100.000 Artikeln. Weil das angekündigte Werk Mitte des 18. Jahrhunderts nicht genügend Besteller fand, schlummert es etwa 250 Jahre in den Archiven. Man könnte dem Autor also bescheinigen, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes verzettelt hatte.

Gewiss, sein Werk schlummerte unendlich lange im Lagerraum der unverwirklichten Ideen. Es war ein Projekt, das die Welt nicht brauchte. Mich hat es freilich sofort inspiriert, als ich dieses unglaubliche Projekt kennen lernen durfte. Zumal als ich erfuhr, dass Spreng einen durchaus ungewöhnlichen und originellen Umgang mit den Worten pflegte. Zum Beispiel versuchte er, so genannte Lehnwörter, die etwa aus dem lateinischen, englischen, griechischen oder französischen Wortschatz in die deutsche Sprache eingewandert waren, in Deutsch wiederzugeben. Mathematiker übersetzte er beispielsweise mit „Wisskünstler“ und Studenten mit „Zuchtsöhne“.

Wem das freilich recht albern erscheinen mag, der hüte sich dennoch vor dem „flubbern“, womit nach Sprengs Erklärung ein unbedachtsames und unanständiges Herausplaudern bezeichnet wird. Auf solche Weise kann man leicht zum „Pasquillanten“ werden, der Spott- oder Schmähschriften verfasst und von Alters her damit gemaßregelt wird, seine „Lästerschriften“ im Angesicht des Verspotteten höchstselbst aufzuessen. Das könnte dann doch recht „minkeln“ (übel riechen oder schmecken). Generell bin ich der Auffassung, dass es nicht unschicklich ist, hier und da etwas zu „verfaulwitzen“. Das bedeutet nichts anderes als das unnütze dem nötigen vorzuziehen. Wenn man’s damit allerdings übertreibt, kann es geschehen, dass man unversehens als „Hirnwechsler“ dasteht, ein Schwindelgeist oder unsteter Mensch.

Ein wahres Feuerwerk unbekannter Worte. Aber wenn’s am schönsten ist …. Weitere solcher Wortschönheiten würden den Rahmen sprengen, der einer Kolumne gesetzt ist. Wer die Form nicht achtet wird zur „ungesenkelten“ Schlotterhose.

Auf jeden Fall empfehle ich: traut euren ungewöhnlichen Ideen ein bisschen Sprengkraft zu und überlasst die Geistesblitze nicht den Archiven.

YouTube Video über Spreng und sein Wörterbuch

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