Zweifellos gehört der Wein, wie Ernest Hemmingway meinte, „zu den Dingen dieser Welt, die in hohem Maße Kultur haben.“ (Auch wenn er wohl nicht immer kulturvoll gebraucht wird.)

Nichts liegt daher vermutlich näher, als ein „Klein Vinicultur-Büchlein“ zu verfassen, wie es Johann Paul Knohll 1677 im Auftrag des sächsischen Kurfürsten tat. Knohll (die altertümliche Schreibweise gefällt mir viel besser als die neuere, welche irgendwie an Kartoffeln erinnert) war Bau- und Bergschreiber in der Hoflößlitz, dem „Berg- und Lusthaus“ des sächsischen Kurfürsten. Nun, ein Schreiber am fürstlichen Berg- und Lusthaus wäre ich wohl auch gern geworden, aber sei es drum. Nicht alle Jobs sind immer zur rechten Zeit frei.

Besagtes Vinicultur-Büchlein war ein Handbuch, welches die kurfürstlich sächsische „Weingebürgsordnung“ von 1588 mit ihren vorgegebenen 24 Arbeitsschritten des Weinbaus praxisorientiert erläuterte.

Allerdings sparte der Autor auch nicht sonderlich mit seiner Kritik an teils unfähigen, teils betrunkenen oder einfach auf ihr persönliches Wohlergehen fixierten Winzern. Es sei daher neben der Fürbitte um Bewahrung vor Frost, Schloß, Mehltau „und andern Ungewitter“ nötig, den Herrgott um einen fleißigen und getreuen Winzer zu bitten, „der rechten Bescheid um die Gebürge wüsste, zuvörderst Gott und sein Wort liebete und für Augen hätte und beedes, Gott und seinen Weingebürgs-Herrn, fürchtete und nicht seinen eigenen Nutzen, sondern seines Herrn Bestes bedächte und beobachten hülffe.“
Herr Knohll hat sich mit solchen Einlassungen wohl nicht viele Freunde innerhalb der Weinkultur-Community erworben, und so wurde er, wie es heißt, nach elf Jahren des Dienstes als kurfürstlicher Weinexperte „ungnädig als Bergverwalter nach Schulpforta versetzt“. Später wirkte er in Dresden und Leipzig und verstarb schließlich 1708 in Kötzschenbroda.
Auf diese Geschichte stieß ich jüngst während eines Spaziergangs in den Berg- und Lust-Gefilden der Hoflößnitz, wo ich auf den – freilich recht bescheidenen – Knohllweg traf.

Ich begann, etwas zu recherchieren und fand das „Klein Vinicultur-Büchlein“ im Netz. Beinahe hätte ich gleich selbst gern einen Weinberg angelegt, woran mich aber sowohl die Witterung als auch die mangelnde Fachkompetenz hinderten. Vermutlich wären auch die Ratschläge von Gevatter Knohll nicht in der jeder Hinsicht aktuell gewesen. Gleichwohl fand ich es bereichernd, teils auch erheiternd, sein ehrfürchtiges Werk, inzwischen fast 350 Jahre alt, etwas zu studieren.



Freilich fand ich ein zweites Werk Knohlls noch wesentlich interessanter und kurzweiliger. Es handelt sich um ein Büchlein mit dem Titel „Der Curiöse und Offenhertzige Wein-Arzt / Das ist: Allerhand bewährten Mitteln / wie der Wein von der Kelter an sorgfältig zu warten / beständig gut zu erhalten / in andere / Kräuter-Würz- und frembde Weine zu verwandeln / und so er ohngefähr zu Schaden kommen / ihme glücklich wieder zu helfen sey.“ Es erschien im Jahr 1700 in Dresden (auch davon fand ich ein Digitalisat im Netz), kurioserweise unter dem Pseudonym „Sincerus Philaletes“. Übersetzt heißt das ungefähr: Reiner (unverfälschter) Wahrheitsfreund. Der Anspruch wirkt nicht allzu bescheiden. Vielleicht saß dem Verfassser aber auch ein gewisser Schelm im Nacken und er suchte, die Redewendung vom Einschenken des reinen Weins ironisierend auf den rechten Umgang mit demselben anzuwenden.

In diesem kurios-offenherzigen Büchlein wird zum Beispiel anschaulich erklärt, wie man erkennen könne, ob Wasser im Wein sei: „Nimm Oel, mache es in einer Pfanne heiß und gieß des Weins darein/ ist Wasser darinnen, so spritzet/ krachet und wiederblöset sich das Fett/ ist aber kein Wasser darinnen, thut es nicht also.“ Oder man tue Wacholderbeeren in den Wein, „schwimmen sie empor/ so ist er recht/ fallen sie aber zu Boden/ so ist Wasser im Weine.“ Auch gibt uns der Wein-Arzt Erläuterungen dazu, dass man Wein am besten um die Mittagszeit herum probieren und dabei nicht zu nüchtern und nicht zu satt sein solle. Etliche essen, wie wir ferner erfahren, auch vor der Verkostung einen Apfel, damit sie den Wein besser schmecken können. Und schließlich noch ein Tipp für alle, die Wein über Land führen möchten, ohne dass dieser seine Farbe verliert: „Nimm ein Ey/ das lass harte sieden/ hernach scheele es/ und heng es in das Faß/ so bleibet der Wein und magst ihn wohl über Land führen.“
All das habe ich freilich bislang nicht persönlich ausprobiert und kann solcherlei Ratschläge daher weder bekräftigen noch belustigen. Auf jeden Fall merkte ich aber, dass eine Flasche Wein wohl mehr Philosophie enthält als alle Sachbücher. (Louis Pasteur)
Ungeklärt blieb freilich in all diesen Abhandlungen die Frage, was man zum Riesling eigentlich tragen soll. Ein Kapitel zum Thema #rebe_trifft_robe hätte ich von Gevatter Knohll gewiss erwarten dürfen. Da hat er mich etwas enttäuscht. Ich nehme an, er hätte farbige Strümpfe, Hut, Beinkleid und Absatzschuhe empfohlen, wie es einem (früh-) barocken Mannsbild gefiel. Heute würde ich den Riesling etwas anders interpretieren. Aber die Frage, welches Gewand zu welchem Wein passt, stellt ja keiner. Oder? Wäre gewiss auch ein Beitrag zum Thema Weinkultur.







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