Geheimnisse in Violett

„So hitzig und geradeaus wie das Rot, so aufregend und spannend wie das Orange, so entspannt und leicht wie das Grün, … so geheimnisvoll und leidenschaftlich wie das Violett, … so bunt war unsere Liebe. …“ Neulich stieß ich auf dieses Gedicht, dass ich hier auszugsweise wiedergebe, von einem (oder einer) gewissen Coka Rybicki. Es nimmt übrigens einen tragischen Ausgang, den ich hier aber verschweige.

Nun, Geheimnisse und Leidenschaft fand ich schon immer spannend. Und so habe ich mich mal etwas näher mit dieser Farbe auseinandergesetzt und befand mich unversehens auf einer Entdeckungsreise wieder.

In der Antike galt die Farbe violett als äußerst kostbar. Ein absolutes Luxusgut, das den Reichen und Schönen vorbehalten blieb. Gewonnen wurde sie aus der so genannten stumpfen Stachelschnecke, auch als Purpurschnecke bekannt. Diese produziert kleine Mengen einer violetten Substanz, die als giftige Abwehr gegen Raubtiere diente und für die Herstellung des violetten Farbstoffs Verwendung fand. Nach Meinung von Archäologen wurde dieses Verfahren erstmals vor etwa 4000 Jahren in der minoischen Kultur entwickelt.

Andere führen die Entdeckung des „violetten Goldes“ auf die Phönizier zurück. Es heißt, dass der Hund des phönizischen Gottes Melkarth, den die Römer „tyrischen Herakles“ nannten, einst am Strand eine Schnecke fraß und davon eine purpurfarbene Schnauze bekam. Die geheimnisvolle Farbe ließ sich nicht wieder abwaschen. Daraufhin soll Melkarth seiner Geliebten, der Nymphe Tyros, ein Kleid geschenkt haben, das mit dieser Farbe gefärbt worden war. Peter Paul Rubens hat dieser Geschichte das folgende Gemälde gewidmet.

Der Hund des Herakles entdeckt das Lila. Gemälde von Peter Paul Rubens (Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Hercules%27s_Dog_Discovers_Purple_Dye)

Wahrscheinlicher ist wohl die erstgenannte Theorie. Archäologen untersuchen daher seit etwa 15 Jahren die nahe Kreta gelegene Insel Chrysi. Es wird vermutet, dass dort eine organisierte Zucht der wertvollen Schalentiere stattfand. Wie ich gelesen habe, brauchte man mehrere 1000 solcher Seeschnecken, um genügend violetten Farbstoff für ein einziges Kleidungsstück herzustellen. Dieses war durchaus kein angenehmes Unterfangen. Die Schnecken mussten unter Gefahren aus dem Meer „geerntet“ werden, auch war sodann viel Kraft erforderlich, um ihre Schalen aufzubrechen und der entfleuchende Geruch war entsetzlich, wie es heißt. Aber auch schon damals nahm man praktisch jedes Opfer in Kauf, um letztlich gut auszusehen bzw. mit Luxusartikeln gute Geschäfte zu machen.

Bei den Römern wurde die Verwendung der seltenen und teuren Farbe Violett gesetzlich eingeschränkt. Es heißt sogar, dass öffentliches Zurschaustellen violetter Kleidung bestraft wurde und letztlich dem Kaiser vorbehalten blieb. Ähnliches ist vom englischen König Heinrich VIII. aus dem 16. Jahrhundert überliefert.

Es ist also nicht unbedingt verwunderlich, dass die Haute Couture momentan das Violett neu für sich entdeckt. Jedenfalls erklärte die deutsche Vogue, wie man hört, das schicke Lila zum aktuellen Lieblingskind der Designer, zur Trendfarbe in 2023.

Das alles wusste ich freilich bislang nicht. Trotzdem habe ich schon länger einen Sinn für leuchtende violette Farbtöne entfaltet. Wie es häufig so ist, kann ich das nicht erklären. Muss ich vielleicht auch nicht. Irgendwie finde ich‘s aber cool.

Ich denke nicht, dass es mit aristokratischen Genen oder Ansprüchen zu tun haben könnte. Eher vielleicht mit der Lust an markanten, teils etwas ausgefallenen Farbtönen. Auch wird der Grund vermutlich nicht in meiner bisherigen kirchlichen Laufbahn liegen, obgleich das Lila unter den Farben des Kirchenjahres neben weiß, grün und rot eine zentrale Rolle spielt. Violett gilt gilt als die Farbe der Enthaltsamkeit, der Buße und Besinnung. Als solche findet es insbesondere in der Adventszeit und in der vorösterlichen Passionszeit Anwendung und schmückt die Kanzeln und Altäre.

Natürlich habe ich mich auch gefragt, ob es möglicherweise eine geheime Verbindung zur Botanik in meinem Kleidungsverhalten gibt, von der ich bislang nichts ahnte. Eine Neigung, irgendwo zwischen Flieder und Veilchen. Aber das ist wenig wahrscheinlich, da ich nicht so der Blumenfreak bin. Interessant fand ich es trotzdem, dass „Violett“ vom lateinischen Wort für Veilchen herkommt, und „Lila“ vom französischen Begriff für Flieder.

Schließlich kam mir der Gedanke, dass man das Violett vielleicht am besten vom Regenbogen her erklärt. „Rot, Orange, Gelb und Grün sind im Regenbogen drin. Blau und Indigo geht‘s weiter auf der Regenbogenleiter. Und zum Schluss das Violett. Sieben Farben sind komplett.“ (R. Lakomy, Wer den Regenbogen sieht)

Mir fiel auf, dass Violett den Regenbogen nach innen abschließt. Es bildet quasi den innersten Kreis, während rot nach außen drängt. Eine Insiderfarbe, die nicht das Publikum braucht. Geheimnisvoll, zugleich auch tiefsinnig. Eine Farbe, die keine großen Worte macht, bescheiden, aber durchaus selbstbewusst.

Natürlich, diese Farbphilosophie ist nichts anderes als frei erfunden. Aber ein bisschen hübsch ist sie doch. Genau eben wie das Lila, jenes changierende Etwas zwischen rot und blau, mit fließenden Übergängen zu Pink, Purpur oder Magenta. Die synthetische Herstellung des Farbstoffs erfand übrigens der britische Student William Henry Perkin im Jahr 1856, dies allerdings eher zufällig. Denn eigentlich wollte er künstliches Chinin erzeugen. Er nannte seine Erfindung Mauveine bzw. tyrischer Purpur, ließ sich dieses patentieren und gründete die erste Fabrik für synthetische Farbstoffe. Und so bedurfte es nicht länger der aristokratischen Gene, um das Innere des Regenbogens hier und da nach außen zu kehren.

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