Rot. Irgendwo zwischen Stierkampf und Stoppschild

Im National Museum of Scotland, Edinburgh

Rot sehen ist wie Schokolade essen. Studien zeigen, dass Rot gleichsam eine magnetische Farbe ist, als anziehend empfunden wird (im wahrsten Sinn des Wortes) und regelrechte Glücksgefühle auszulösen vermag. Freilich gilt das wohl nicht immer. Zum Beispiel kann die sprichwörtliche „Lady in Red“, die da zur Tür hereinschwebt, durchaus zur Konkurrentin werden, wenn bereits eine solche im Raum ist. Zwei Königinnen sind gewiss eine zu viel. Ähnlich ist es, wenn zwei Männer in roten Schuhen aufeinandertreffen und sämtliche Warnlampen aufleuchten, freilich ein höchst konstruierter Fall.

Wir sehen, Rot ist in jeder Hinsicht eine provozierende Farbe. Als mir neulich ein rotes Lämpchen neben dem Tachometer den freundlichen Hinweis gab, ich solle meinen Wagen besser sofort zum Stehen bringen, war diese Botschaft geeignet, mir die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Ich mag unsere wunderschönen, leuchtend roten Kaffeepötte, aber an so mancher roten Ampel möchte ich den Rotstift zücken und den Ampelplanerazubis ein dickes „Versetzungsgefährdet“ ins Muttiheft schreiben. Traurig war ich, als mein geliebtes rotes Hemd verschlissen war, suggerierte es mir doch, ich könnte durchaus den Tango noch lernen.

Rot steht für Stierkampf und Stoppschild, für Hingabe ebenso wie für leidige Nervensägen. Niemals ist es durchschnittlich. Immer ist es eine Ganz-oder-gar-nicht- Farbe. Interessanterweise gilt Rot auch als die Farbe der Kirche und schmückt an Pfingsten oder Reformation die Kanzeln und Altäre. Es soll Feuer und Leidenschaft signalisieren, gereicht gelegentlich aber auch zur Ironie angesichts mancher langweiliger Gottesdienste. Ich schreibe diese Zeilen übrigens in Edinburgh. Hier fiel mir auf, dass die Schotten neben Whisky, Haggis und Ale mindestens an einer weiteren Sache nicht geizen. Und das ist die Farbe Rot. So viele rote Türen sah ich bislang kaum an einem Ort. Und so könnte man auch hier bestätigt finden, dass Rot eben eine einladende Farbe ist.

Aber auch das folgende stimmt wohl: Rot steht nicht unbedingt für Stabilität. Es ist eine Farbe für den Moment, unterhaltsam und kurzweilig, aber unstet. Rot ist nichts für alle Tage, auch wenn man es durchaus an allen Tagen tragen kann. Rot beansprucht Aufmerksamkeit, aber man kann eben schwerlich dauerhaft im Alarmmodus verbleiben. Zugleich erfordert die Farbe Mut, jedenfalls dann, wenn sie in höheren Dosen gebraucht wird.

Vielleicht ist das aber alles gar nicht so aufregend und die Farben haben keinen tieferen Sinn. Bei Theologen wie Martin Luther gehört die Farbe beispielsweise zu den eher beiläufigen Dingen, die man in Freiheit gebrauchen, aber nicht mit allzu viel Aufmerksamkeit bedenken sollte. Solltet ihr mich also demnächst in einer Weste aus grauem Jeansstoff und leuchtend rotem Futter antreffen, so wisst, dass selbiges weder ein politisches Statement noch ein Matadorenoutfit ist. Möglicherweise mag ich diese Farbe einfach und freue mich an der Kunst der Schneiderinnen und Designer. Vielleicht möchte ich mir auch Mut zu sprechen und sagen: Lebensfreude braucht Farbe, keine Gründe.

Es könnte also stimmen, Rot hat keinen tieferen Sinn, außer vielleicht hier und da ein bisschen Sexappeal zu verbreiten. Aber das braucht ja wirklich im Grunde niemand. Und wer würde schon freimütig zugeben, dass er oder sie einfach ein bisschen auf Attraktivität bedacht ist. Daher also bitte nicht allzu viel nachdenken, sondern es einfach tragen.

Rot ist nichts auf Dauer, aber für die vielen Momente zwischendurch immer wieder schön. Na klar, es gibt auch Momente, da schaue ich nicht ohne Kummer in rote Rücklichter. Aber solange es Liebe gibt, wird es an neuem Rot nicht mangeln. Möglicherweise ist es sogar die Lieblingsfarbe Gottes, aber das kann nur er selbst wissen. Begnügen wir uns zunächst mit dem Spruch: rotes Tuch, gutes Tuch. Und darauf ein frisch gezapftes Red Scottish Ale.

Eine kleine Auswahl roter Türen in Edinburgh

Eine Antwort zu „Rot. Irgendwo zwischen Stierkampf und Stoppschild”.

  1. […] Rot. Irgendwo zwischen Stierkampf und Stoppschild Ist das Glück orange? Gelbes Tuch […]

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