Das Sahnehäubchen

Auszug aus „Der begehbare Kleiderschrank“ von Thomas Knittel und Gabriele Schwanebeck (bislang unveröffentlicht)

Auch eine Art Sahnehäubchen: Das Spitzhaus in Radebeul, gezeichnet von Gabriele Schwanebeck (@farbeabstrakt)

Ich sehe die Szene nach etwa 25 Jahren noch immer vor mir. Wir waren mit unseren Kindern auf dem Spielplatz. Ein Mädchen, etwa fünf oder sechs Jahre alt, verkündete allen, die es wissen oder auch nicht wissen wollten: Barbies sind doof, aber so schön.

Wie schön passt diese Szene doch zu meinem Thema. Sahnehäubchen: Man braucht sie nicht und braucht sie doch. Man genießt sie mit Scham und Vergnügen. Man vermisst sie, wenn sie fehlen. Und wenn sie da sind, will sie keiner kennen. Die Sahnehäubchen sind eben Sahnehäubchen, und nichts anderes. Nicht nützlich, nicht praktisch, nicht gesund.

Erkundungen zur Sachertorte im Café Goldfisch, Moritzburg

Der Wiener trinkt seinen Kaffee mit Schlagobers, der Franzose mit Cognac, der Holländer mit Likör. All das ist weder zweckmäßig noch nötig. Aber eben schön.

Nicht anders ist es mit der Kleidung. Sie besteht in ihrer veredelten Form aus vielerlei Sahnehäubchen. Nehmen wir zum Beispiel bunte Socken. Um zu wärmen oder Probleme der Transpiration zu lösen, braucht es die Farbe nicht. Auch Krawatten haben keinen direkten praktischen Nutzwert. Rüschen oder opulente Kragen sind glatte Stoffverschwendung. Und der Schmuck. Völlerei in reinster Form.

Es stimmt: Mode ist doof, aber hin und wieder schön. Schon vor 100 Jahren schrieb der gute alte Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit: Nur selten nimmt die Mode Rücksicht auf die Gesundheit. Mit anderen Worten: meist ist sie unzweckmäßig.

Aber vielleicht mag es uns dienen, wenn wir die Mode einmal mit der Konditorei vergleichen. Sie ist eine Kunst voll Üppigkeit. Verschwenderisch, aber eben lecker. Hier ein Törtchen, dort ein Bissee. Hmm. Ein Kronzeuge dieser Sichtweise ist der französische Dichter Charles Baudelaire. In seinem Essay: „Das Schöne, die Mode und das Glück“ verfasste er 1863 ein „Lob der Schminke“. Darin wendet er sich gegen einen naturalistisches Verständnis von Schönheit, wonach einzig das natürliche schön und gut sein. Genau das Gegenteil sei allerdings der Fall. „Alles schöne und edle ist das Ergebnis von Vernunft und Überlegung.“ Dementsprechend müsse man „allen Künsten die Mittel entlocken, sich über die Natur hinwegzusetzen.“

Nichts anderes ist dies, als ein großes Lob der Törtchen und Sahnehäubchen, mit welchen  der modebewusste Zeitgenosse sich ziert. Sei es Makeup, seien es verspielte Fliegen, bunte Socken, Rüschen oder ein Krawattenschal. Alles nicht nötig, aber schön.

Ein letztes Beispiel will ich noch geben. Mein lieber Schatz machte mich auf das schöne Wort Opferputz aufmerksam. Eigentlich entstammt es dem Bauhandwerk, ich aber habe es flugs auf mein Thema übertragen. Der Opferputz ist das Gewand, welches ich mir vom Munde abgespart habe. Ich durfte es mir eigentlich nicht leisten und trage es nun mit verschmitzten Stolz und einer Prise schlechtem Gewissen. Es ist mein Sahnehäubchen, unpraktisch, zu teuer, im Grunde doof, aber so schön.

Hinterlasse einen Kommentar