Die Instrumente meines Lebens

Heute geht es um Gitarren und andere Instrumente meines Lebens. Es geht um Ideale, die nicht wirklich zur Umsetzung gelangen. Den Text habe ich bereits vor drei Jahren geschrieben, aber nun wieder hervorgekramt, nachdem ich mit meinem Freund und Kollegen Matthias wieder einmal einen Auftritt als „Duo Knalbani“ hatte, unseren vermutlich letzten.

Duo Knalbani mit Vorband „Das Letzte“

Meine erste Gitarre gehörte mir gar nicht wirklich. Und sie war auch gar keine. Sie war nämlich eine Laute, so ein scheinbar schwangeres Zupfinstrument, sechssaitig wie bei einer Gitarre, mit einer Art Schnitzerei im Schallloch. Sicher ist das jetzt nicht korrekt ausgedrückt.

Ich weiß heute nicht mehr, auf welchem Weg diese Laute in unsere Familie kam. Eigentlich war es sehr untypisch, dass ein solches Instrument bei uns zu finden war. Jedenfalls war es in Ermangelung einer „richtigen“ Gitarre mein Übinstrument. In gewisser Weise passte das aber auch zu mir, denn später nannte ich dann noch ein anderes sehr spezielles Instrument mein Eigen. Es war ein Harmonium, ein Tasteninstrument, bei dem man mit Fußpedalen einen Blasebalg betätigt und damit orgelähnliche Klänge erzeugt. Ein bisschen klingt es, wie eine Orgel, aber wirklich nur ein bisschen. Darum heißt es auch: Als Gott die Orgel erschaffen hatte, sprach der Teufel: das kann ich auch, und schuf das Harmonium.

Aber tatsächlich hat es mir dazu verholfen, für ein Jahr lang Orgelunterricht zu nehmen. Bei einem richtigen Kirchenmusiker hatte ich einmal pro Woche Übungsstunde, und ich durfte in meiner Heimatkirche an der Orgel üben. Freilich war ich kaum talentiert und hatte auch wenig Zeit (oder sagen wir: Lust) zum Üben. Lieber als die Choräle spielte ich sowieso „Skandal im Sperrbezirk“ oder „Let it be“ auf meinem Harmonium, diesem dafür gar nicht geeigneten Instrument. Vermutlich bin ich sowieso ein Autodidakt, einer, der sich das Nötige selbst beibringt. Und ich mag vor allem die Instrumente, die man ohne Üben spielen kann. Diese sind allerdings rar.

Zurück zur Gitarre. Mein Bruder brachte mir ein paar Griffe bei, wie wir das damals nannten. Die Fachleute sprechen von Akkorden. Zuvor musste ich mich natürlich mit der Stimmung des Instruments befassen (vermutlich war sie meistens nicht sehr gut.) Eine alte dumme Gans hat Eier. Das steht für die Töne der sechs Gitarrenseiten. E – A – D – G- h – E. Mein erster Griff war, wie vermutlich bei allen Anfängern, E-Moll, dazu benötigt man nur zwei Finger zum Greifen und muss diese auch nicht sonderlich weit spreizen oder ähnliches Schweres tun. Mit E-Moll und D-Dur (auch einer der leichteren Griffe) spielt man übrigens sehr leicht Songs wie „Lady in Black“ oder „Am Fenster“. Begonnen hat meine Gitarristenkarriere aber mit den klassischen Songs meiner Jugendgruppe in der „Jungen Gemeinde“ meiner Kirchgemeinde. Damals gab es die so genannten Kaul-Mappen, zunächst mit 36 Songs, wenn ich mich recht erinnere. Später gab es zwei Fortsetzungen, sodass es insgesamt ca. 100 Lieder in dieser Mappe gab. Die Nummer 30 war „Geh Abraham, geh!“ (A-Dur), die Nummer 4 trug den sinnigen Titel „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“. (D- Dur) „Leben im Schatten“ (Nummer 10, ebenfalls D-Dur) war auch nicht schlecht, oder „Wir, wir singen ein Lied.“ (Nummer 1, noch mal D-Dur).

Diese Lieder aus der Kaul-Mappe spielte ich immer wieder der Reihe nach durch, solange, bis ich sie einigermaßen beherrschte. Damit hatte ich dann die Chance, zum Begleitgitarristen in meiner Jungschar oder Jungen Gemeinde zu werden, das heißt, Lieder anzustimmen und mit der Gitarre zu begleiten. Ich war etwa 13 oder 14, als ich mit dem Üben begann. Zunächst gab ich nach wenigen Tagen wieder auf, später versuchte ich es noch einmal und sah dann erste Erfolge. Mein Haupt-Übungsstunde wurde dann der Jugendkreis, in dem ich wöchentlich – zum Teil mit meinem Bruder oder anderen gemeinsam – die Songs der Kaul-Mappe begleiten konnte. Dabei probierte ich neue Griffweisen, später auch Zupftechniken sowie verschiedene „Schlagtechniken“ aus.

Damals konnte ich weder Noten lesen noch war mir der Unterschied zwischen „Swing“ und „Beat“ geläufig. Diese Dinge lernte ich erst später. Ich fing im Grunde einfach irgendwie an. Kurioserweise war ich dann später  der Meinung, ich könnte auch andere im  Gitarrenspiel unterrichten.

Zunächst besaß ich aber eben keine eigene Gitarre. Der Laute erging es nicht gut. Weil ich meistens bemüht war, irgendwelche Rock-Allüren daran auszuleben, überlebten die schönen Schnitzereien im Schallloch meine Übungsstunden nicht lange. Sie brachen teilweise ab, ich war offenbar ein Kultur-Banause.

1983 auf Klassenfahrt

Es musste also ein eigenes Instrument her. Gitarren waren freilich in der DDR gar nicht so leicht zu haben. Und so erwarb ich irgendwie als gebrauchtes Stück eine akustische Gitarre, die wie eine E-Gitarre aussah. Ich fand sie beim Durchsehen alter Bilder auf einem Foto von 1983, damals war ich in der neunten Klasse. Woher ich sie genau hatte, weiß ich heute nicht mehr. Ich glaube, sie war auch nicht ganz bundrein, was für eine Gitarre eigentlich wichtig ist. Sie fand auch weitgehend nur im Hausgebrauch Verwendung, denn in der Jungen Gemeinde gab es ein Instrument, das dort zur Verfügung stand. Dieses hatte allerdings im Gegensatz zu meinem „Schrubber“ zu Hause nur Nylonseiten, Stahlseiten fand ich eigentlich besser.

Mein E-Gitarren-förmiger Holz-Klopper hat aber scheinbar auch nicht lange überlebt, denn später, als ich etwa 16 oder 17 war, kaufte ich endlich mal im Musikgeschäft eine „richtige“ Gitarre, allerdings wiederum mit Nylon-Seiten. Solche Instrumente waren leichter zu haben. Westerngitarren waren rar. Danach gab es dann noch einmal eine weitere „Nylon-Gitarre“, an diese kann ich mich nicht mehr sehr gut erinnern.

Irgendwann in den 80ern

1987, ich war etwa 19, bekam ich aber dann eine Lederer-Gitarre angeboten. Mit einem für DDR-Zeiten sehr stolzen Preis: 1000 Mark. Sogar mit Koffer, was ich damals cool fand. Horst Lederer war ein Gitarrenbauer aus Markneukirchen, er baute Westerngitarren mit einer sehr besonderen Form. Ich war stolz auf dieses Instrument, obgleich ich heute den Verdacht habe, dass es seinen Preis gar nicht wirklich wert war. Aber es war eben speziell, offenbar hatte ich ja einen Hang zu speziellen Instrumenten. In dieser Zeit studierte ich Lieder von Reinhard Mey oder Gerhard Schöne ein. Bei manchen habe ich die Texte erst einmal von der Schallplatte „abgehört“. Das sah so aus, dass ich die Platte auflegte, ein paar Takte hörte, den Tonarm anhob, den Liedtext dieser Takte aufschrieb, dann den Tonarm auf die Schallplatte wieder auflegte, die nächsten Takte hörte usw. Wenn ich den Text komplett aufgeschrieben hatte, übte ich die Akkorde dazu. Ich spielte die Schallplatte immer wieder ab und versuchte, mit der Gitarre dazu zu spielen. So erarbeitete ich mir ein Repertoire von vielleicht 100 Liedern, die ich praktisch auswendig konnte und bei den verschiedensten Gelegenheiten zur Aufführung brachte. Passend dazu trug ich übrigens damals eine Nickelbrille, die mich zum Reinhard-Mey-Verschnitt, teils auch zum John-Lennon-Double werden ließ. Mit den englischen Liedern war es aber nicht ganz so leicht, denn mein Englisch war nicht dazu ausgelegt, solche Lieder von der Schallplatte abzuhören. Aber ich probierte mich gelegentlich auch an den Rolling Stones, den Beatles oder Bob Dylan. Leichter wiederum war die Neue Deutsche Welle, simple Harmonien und deutsche Texte.

Diese Lederer – Gitarre hat mich somit schon über mehr als 30 Jahre begleitet. Vor reichlich zwei Monaten habe ich mich entschlossen, sie bei einem Gitarrenbauer wieder aufmöbeln zu lassen, denn zuletzt führte sie ein sehr randständiges Leben auf dem Dachboden.

2022 mit der „Lederer“

Meine Karriere als Gitarrist hatte ich eben doch nicht so richtig weiter verfolgt, zumal ich auch merkte, dass „Geh Abraham, geh!“ heute keinen vom Hocker reißt.

Als ich meinen 40. Geburtstag feierte, bekam die „Lederer“ eine Kollegin. Ich wünschte mir nämlich eine richtige E – Gitarre. Ich glaube, dabei spielte es eine Rolle, dass ich schon von meiner Jugendzeit an den Traum hatte, mal in einer Band mitzuspielen. So richtig hat sich das aber nie ergeben. Aber es gab schöne kuriose Momente. Zum Beispiel den Versuch einer Band Gründung mit zwei Schulfreunden. Der eine hatte eine Art E – Gitarre. Das war eigentlich eine akustische Gitarre, in die aber in Tonabnehmer eingebaut war. Mit einem Kabel konnte man sie an ein altes Röhrenradio anschließen und somit verstärken. Diese Gitarre durfte ich spielen, er selbst spielt dazu Blockflöte. Der dritte im Bunde war ein angehender Schlagzeug – Virtuose. Er hatte bloß das Problem, dass er weder ein Schlagzeug besaß, noch Schlagzeug spielen konnte. So bastelten wir aus einer alten Trommel und einem Ofenrohr, in das wir Reiszwecken einlegten, eine Art Schlagzeug. Das Ofenrohr klang tatsächlich fast wie ein Becken. Verständlicherweise hat diese Band aber nicht lange überlebt. Später sollte ich einmal in einer wirklichen Band mitspielen, hatte aber zu dem Zeitpunkt nicht wirklich Zeit dafür.

Nun wollte ich also mit 40 Jahren offenbar daran anknüpfen. Inzwischen gab es auch wunderbares Material, wie zum Beispiel die verschiedenen Bände des Kultliederbuchs „Das Ding“.

2020

Freilich war auch dieses letztlich eine halbe Sache, die meiste Zeit stand das Instrument in der Wohnung herum und avancierte zum Staubfänger. Aber manchmal hat es mich eben doch gepackt, und dann habe ich den Verstärker aufgedreht, den röhrenden Verzerrer-Modus eingeschaltet und Bad Moon Rising oder Knocking on  Heavens Door gespielt (bzw. das, was ich dafür hielt).

Musik ist, wenn man trotzdem lacht. Ich rate euch, erhaltet euch die Ideale. Auch, wenn sie euch gelegentlich davon laufen.

2018

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