Neugier

Dieses Bild von Gabriele Schwanebeck (@farbeabstrakt) verbinde ich mit dem Thema Neugier.

In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre prägte Christian Dior den so genannten „New Look“. Um genau zu sein: er gab diesen Namen seinen Kreationen nicht selbst. Lieber sprach Dior von der „Blütenkelchlinie“ – ligne corolle. Aber wer konnte damit schon etwas anfangen? Und so war es eigentlich ganz klar, dass die von einer US-amerikanischen Modejournalisten kreierte Wortschöpfung „new look“ sich sehr bald durchsetzen würde. Denn das wollen doch vermutlich alle von der Mode haben: den new look.

Gut, es darf auch mal retro oder oldschool sein, aber im Grunde will doch niemand „old fashioned“ auf dem T-Shirt stehen haben. Obwohl genau das zutreffen würde, denn T-Shirts sind wohl nicht der neueste Schrei.

Der Rechtswissenschaftler Rudolf von Ihering beschrieb die Mode einmal als „Hetzjagd der Standeseitelkeit.“ Damit meinte er den Wettlauf um Einzigartigkeit, wobei eine gesellschaftliche Obersicht sich durch Mode abzugrenzen sucht, und sobald die „Verfolger“ in der ihnen möglichen Weise aufgeschlossen und die herrschende Mode kopiert hätten, ein abrupter Modewechsel erforderlich wird. Und so kreiere die Beschäftigung mit der Mode gleichsam einen ewigen Wechsel von Innovation und Anpassung, der ein bisschen an die Geschichte von Hase und Igel erinnert. „Ick bin allhier.“

Vermutlich sind solche Gedanken auch heute nicht gänzlich unaktuell. Es kann schon sein, dass Kleidung zum Instrument sozialer Unterscheidung wird. Und dass der New Look, der vermutlich in den Jahren nach den Zweiten Weltkrieg für 99,9 % der Menschen unbezahlbar war, eher eine Art „Opium für das Volk“ bleibt.

Aber, ich interpretiere auch hier wiederum wohlmeinend, jenseits von Standesdenken und Kommerz ist die „Gier nach Neuem“ durchaus kreativ und darum willkommen. Die Großmutter meiner Frau wurde knapp 99 Jahre alt und sie begründete ihr hohes Alter gelegentlich mit den Worten: Ich bin doch so neugierig. Dabei wusste sie natürlich, dass ihre Jahre ein Geschenk waren und dass auch nicht jedes darunter immer schön war.

Und doch, in gewisser Weise war die Neugier ihr Lebenselixier. Sie war Ausdruck der Lebensbejahung, der Freude am Frühling und ja: auch der Anteilnahme an den Geschehnissen der neuesten Zeit.

In diesem Sinne kann die Neugier gleichsam ein modisches Lebenselixier sein. Sie kann Zukunftsoffenheit ausdrücken, vielleicht sogar solche erzeugen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch eine Sentenz von Walter Benjamin, der einmal schrieb: Wer die Mode zu lesen verstünde, könne gleichsam die Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen der Zukunft voraussehen. Ach, wäre der gute Wladimir doch besser erst zum Herrenausstatter gegangen.

Möglicherweise auch ein Ausdruck von Neugier? 😀👌

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