Genuss statt Verdruss. Biblische Gedanken über den Wein

Wer Urlaub hat, macht sich Gedanken über dies und das, wie etwa die Frucht des Weinstocks und wie mit ihr umzugehen wäre. Nun denn.

Beim Probieren in Tramin, Südtirol

Am Anfang schuf Gott den Wein. Natürlich ist das, wie so oft, nur die halbe Wahrheit. Denn am Anfang schuf er natürlich zunächst einmal den Himmel und die Erde, das Licht und den Rhythmus von Tag und Nacht. Am dritten Tage machte er die Kräuter, mancherlei Gemüse sowie diverse Obstbäume und -sträucher, darunter auch den Weinstock.

Zwei Tage später entstanden dann die Tiere, wobei ich nicht sicher bin, ob dazu auch die Reblaus zählte. Und noch einen Tag später erschienen dann die Menschen auf der Bildfläche. Mit anderen Worten: Gott schuf den Wein vor dem Winzer. Natürlich war der Wein damit noch nicht kultiviert, und es gab zunächst auch keinen, dem er schmecken konnte. Alles in allem war es schon recht nützlich, dass Wein und Mensch sich kennen lernten. Noah war nach dem biblischen Bericht übrigens der erste, der einen Weinberg anlegte.

Halten wir an dieser Stelle aber zunächst fest: zuerst war der Weinstock da. Sicher, die Menschen haben seither viel Schweiß und Kunstfertigkeit aufgewandt, um ihn zu erziehen und zu veredeln. Sie kreuzten Rebsorten, erfanden den Cuvée oder kelterten weißen Wein aus roten Trauben. Aber doch ist und bleibt der Rebensaft eine Gabe. Am Anfang schuf Gott den Wein. Erst später kamen die Winzer und Gourmets hinzu, die selbigen zu gebrauchen wussten. Und so konnte der Weinstock über die Zeiten hin seiner Berufung nachkommen und des Menschen Herz erfreuen.

Er erwies sich, in Maßen genossen, sogar als zuträglich für des Menschen Gesundheit und Wohlergehen. Nicht ohne Grund schrieb der Apostel Paulus an seinen Schüler Timotheus, er möge hier und da auch ein Gläschen Wein trinken, nicht nur Wasser. Freilich hatte der Wein, wie alle Geschöpfe Gottes, auch seine Schattenseiten. Man fand alsbald, dass er durchaus eine Veranlagung zur Übertreibung in sich trug, ja sogar missbräuchlich genutzt werden konnte. Schon Noah als der erste Weinbauer ahnte nicht des Rausches Wirkung, welchen die Rebe entfalten konnte. Nachdem er seinem Wein fröhlich zugesprochen hatte, lag er nackt und berauscht auf seinem Lager, sodass seine Söhne die Blöße pietätvoll bedecken mussten. Schlimmer trieben es die Töchter Lots, die ihren eigenen Vater zunächst mit Wein abfüllten und anschließend Sex mit ihm hatten, ohne dass er wusste wie ihm geschah.

Nicht immer erwies sich der Wein als kluger Ratgeber. Und gewiss war es auch nicht aus der Luft gegriffen, was der weise Salomo seinerzeit für die Nachwelt festhielt: „Der Wein macht Spötter, und starkes Getränk macht wild. Wer davon taumelt, wird niemals weise.“

Schauen wir nun aber noch einmal auf den Ursprung zurück. Am Anfang schuf Gott den Wein. Ein Freund schenkte mir anlässlich meiner Amtseinführung als Pfarrer in Annaberg-Buchholz einen Rotwein, der den Namen „Segen“ trug. Ich empfand dieses als ein schönes Sinnbild dafür, dass jeglicher Genuss (wie das Leben überhaupt) ein Geschenk ist, auf das es keinen Rechtsanspruch gibt.

Am besten genießt man in Dankbarkeit, wofür mir ein anderer Tropfen, in diesem Fall ein Weißwein, den entscheidenden Hinweis gab. Er trug den Namen Goria Dei (Gott zur Ehre). Sicher war es etwas übertrieben, dass mir just dieser Wein in einem Lokal Namens Himmelreich kredenzt wurde, denn zweifellos sollte man den Himmel nicht mit einem Weinlokal verwechseln. Vielleicht hat Gott aber auch darüber darüber gelächelt, denn manchmal bei guter Lage, Sonne und Stimmung kann aus den Reben des Weinstocks durchaus ein himmlischer Tropfen erwachsen. Möge er dann Freude statt Verdruss bereiten. Dank dem Schöpfer. Achtung dem Winzer und Mäßigung dem Genießer. Wohl bekomm‘s.

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