Auszug aus dem Programm „Flamenco – wir sehen rot“ von @farbeabstrakt und @einfach.james

Seit Sommer 2014 wird der Flamenco in Andalusien als eigenes Schulfach unterrichtet. Für mich kommt das freilich zu spät, denn just zu diesem Termin jährte sich meine Einschulung zum vierzigsten Mal. Auch die später behelfsmäßig nachgeholte Tanzschule ließ mich nicht zum Virtuosen des flamencologischen Klapperns und Flanierens werden. Es heißt, man müsse nur eine stolze und selbstbewusste Haltung einnehmen und dann folgten die Schritte und Gebärden gleichsam von selbst. Nun ja.
Auch über den Umweg des virtuosen Gitarreros kam ich dem Flamenco nur begrenzt nahe. Ich fand es zwar ziemlich beeindruckend, wie die musizierenden Flamenci, ab und an auch Flamencanerinnen, mal die Seiten strichen, dann wieder schlugen und zwischenrein dem Bauch der Gitarre einen Fausthieb versetzten. Dabei sahen sie auch noch gut aus und versprühten die heißeste Coolness, die man sich erdenken kann. Gekleidet waren sie in dunklen tiefspanischen Hosen mit einem breitem Bund, einem Hemd mit weiten Ärmeln, der unverzichtbaren Boleroweste und natürlich einem möglichst breitkrempigem Hut. Flamencanische Couture vom feinsten.
Ich freilich musste feststellen: die flammende Seele Andalusiens blieb mir unzugänglich und fremd. Mein flamencanisches Gebaren ging nicht mit dem flamencologischen Wissen einher. Ganz offenkundig gehörte diese Kunstform bislang nicht zu meinen Hauptbegabungen. Und so wird es bleiben bis zum Jüngsten Tag. Ich muss mich begnügen mit flammenden Hemden und Pamphleten.
Nun beschlich mich freilich jüngst, und zwar ganz ohne flamencanisches Klappern, eher so im schleichenden Slowfox, der Gedanke, ich müsse die Sache einmal anders angehen. Wenn der Flamenco nicht zu mir will, gehe ich zu ihm. Wer sagt denn, dass der Flamenco mir vorschreiben dürfte, wie er zu buchstabieren sei.
Vielleicht ist er ja eher eine Lebensform. Und siehe da: wie ich endlich zu recherchieren begann, entflammte mich eine entscheidende Erkenntnis. Und sie war tatsächlich geeignet, mich aus der flamencanischen Krise zu katapultieren. Fragst du nämlich die kundigsten Flamencologen, wirst du von drei Befragten etwa vier Meinungen bekommen. Was der Flamenco wirklich ist, weiß im Grunde niemand genau. Irgendwas mit Singen, Tanzen und Gitarren, so denken die meisten. Aber weit gefehlt. Man weiß nicht, wo er herkommt. Man weiß nicht, seit wann es ihn gibt. Und man weiß auch nicht, wer ihn erfunden hat. Die Zahl der Tänzerinnen auf einem andalusischen Volksfest wird nicht um vieles größer als die Schar der Hypothesen.
Nun, wenn das so ist, dann definiere ich den Flamenco doch am besten selbst. Vor allem gefiel mir folgender Satz: Flamenco singt man mit Rechtschreibfehlern. Ein anderer Erklärungsansatz bestärkte mich ebenfalls in meiner neuen Sicht: Der Vater des Flamenco ist unbekannt, man kennt nur seine Mutter, und die heißt Andalusien. Mit anderen Worten: der Flamenco braucht keine Regeln nur einen Ort. Und dieser liegt ab heute in der Großen Kirchgasse in Annaberg-Buchholz.
Ich setze mich vor meinen Kamin, am besten mit rotem Hemd und schwarzer Weste. Wichtig ist der Hut, auch in der Stube. Die breitbündige Hose ist nicht so entscheidend, wenn der Flamenco sitzend interpretiert wird. Ich starre also in die Flammen, trinke ein Glas Rotwein und denke so: ziemlich sexy irgendwie. Muss ja nicht gleich die ganze Welt wissen. Aber auch ich bin Flamencologe.
Und wenn man es denn will, kann man diese Lesart des Flamenco auch in der Fachliteratur bestätigt finden. Die Rhythmisierung erfolgt genaugenommen dadurch, wo man Pausen setzt und nicht klatscht. Spannend ist beim Flamenco insbesondere das, was nicht zu hören ist. Jeder hat seinen Stil.
Wenn ich also wöllte, könnte ich damit jede Frau beeindrucken. Ich würde konsequent gegen den Takt klatschen, reichlich Pausen lassen sowie ab und an ein paar Strophen singen, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Und sie würde mir am laufenden Meter „Jaleos“ geben, die flamencanische Variante der Likes. Ich bin schon ein Draufgänger. Ab und an.
@einfach.james

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