
Mein letzter Schrei ereignete sich in Anbetracht einer Motte, die sich an meinem Lieblingspullover gütlich getan hatte. Ansonsten mag ich es nicht so laut, wenn es um Kleidung geht. Es bringt mich nicht zum Kreischen, wenn die Haute Couture zum Schaulaufen ruft. Höchsten könnte es geschehen, dass der eine oder die andere mein Outfit zum Schreien findet, was dann freilich kein Kompliment ist.
Bleiben wir zunächst bei den Motten. Schon in der Bibel werden sie als natürliche Feinde des Zwirns betrachtet. „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen.“ Es stimmt wohl, die Hoffnung mit einem schönen Gewand einen schicken Schatz zu gewinnen, erweist sich nicht selten als trügerisch. Das Designerkleid ist selten ein Scheck auf die Zukunft.
Und so gelten die Motten gleichsam die Mahnerinnen des jüngsten Gerichts. Gleichwie sie mit ihren gierigen Mäulern die teuren Kleider zerfressen (die weniger teuren übrigens auch), so vergehen die Spötter und Frevler von einem Tag zum anderen.
Das ist auch alles gut und schön. Solange die Motten sich andernorts durchbeißen. Ich frage mich schon, warum sie auf der Arche, die Noah einst baute, mitfahren durften, als alle Tiere paarweise an Bord gingen. Hatten sie sich in Noahs Wollmantel versteckt und blieben dadurch unbemerkt? Meine Freundinnen sind sie nicht. Fies, gefräßig, scheinbar mit einem ewigen Leben ausgerüstet. Ihr Beitrag für die Zukunft des Planeten könnte es sein, sich an einem schicken Fliegen- und Mottenfänger festzukleben.
Aber ich will nicht ungerecht sein. Denn vielleicht haben sie eben auch eine Botschaft an mich, quasi ein letztes Wort an alle, die schicke Gewänder schätzen.
Ich sage mal so: wer von uns kann sich an den vorletzten Schrei erinnern? Vermutlich die wenigsten, denn jede letzte Chance wird angesichts der nächsten vergessen. Und wenn ich dir das jetzt wirklich zum letzten Mal sage, wissen wir beide, auch der morgige Tag wird wohl wieder seine eigenen letzten Worte haben. Mein letzter Versuch, was war das gleich noch mal? Wisst ihr, wie das ungefähr fünftletzte Album von Supertramp hieß? „Famous last words.“
Und sofern die Mode ein Teil des Lebens ist, so hat auch sie Anteil an diesem stetigen Übergang des Letzten zum Vorletzten. Was früher mal ein Letztes war, kann heut schon drittletzt sein sogar. Nur leider haben wir dann vergessen, wo wir es hingelegt hatten. Wenn es aber zufällig wiedergefunden wird, halten wir es für die neueste Errungenschaft schlechthin. Ja, „sobald eine Mode vergessen ist, kann sie zum letzten Schrei wachgeküsst werden.“ (Barbara Vinken)
Mode spielt mit der Sehnsucht nach Ewigkeit, ungern verzichtet das Marketing auf Begriffe wie Eternity, neverending story oder True Religion. Lebendig ist sie freilich immer nur im Moment. Wenn man Kleider konservieren möchten, können sie leider nicht mehr getragen werden. Sie können höchstens noch ein Museum zieren. Nach Ansicht von Barbara Vinken bewegt sich die Mode „zwischen dem Vorschein von Ewigkeit im zeitlich Schönen und der Vergänglichkeit“. Positiv gesprochen, ihr Reiz besteht „im Aufeinandertreffen von Ewigkeit und flüchtigem Moment.“
In diesem Sinn wäre es durchaus klug, den letzten Schrei sparsam zu gebrauchen. Und man könnte es mit dem Theologen Dietrich Bonhoeffer halten, der einmal schrieb: „Um des Letzten willen muss vom Vorletzten die Rede sein.“
Was war dein vorletztes Glücksgefühl? Dein vorletzter Schrei? Eigentlich schade, dass wir darauf selten eine Antwort wissen. Dann könnten wir all die schönen vorletzten Dinge so wertvoll und angenehm empfinden, wie sie eben als vorletzte Schreie sind. Sie machen das Leben schön, hier und heute, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und so fand ich es auch interessant zu lesen, was die Zeitschrift Bellevue über Mode in schweren Zeiten schrieb: „In Krisenzeiten zitierten Designer schon immer historische Kleidung.“ „Jede Dekade der jüngeren Vergangenheit hatte ihre eigene Art, Historisches wieder modern zu machen. In den 1960er Jahren wollten junge Männer plötzlich Dandys sein und griffen das Viktorianische Zeitalter auf; die Hippies in den 1970er Jahren liebten den verträumten Stil der Präraffaeliten und die Popper und New Romantics in den 1980er Jahren den Glamour des dekadenten Rokoko.“ Und so wurde das Vorletzte der Vergangenheit hier und da zum Letzten der Gegenwart stilisiert.
Nun, am Ende muss auch das gesagt werden: Als zehnjähriger Knirps war ich Letzter bei der DDR-Meisterschaft im Schach. Schlussendlich war das nicht schön, letztlich sogar zum Weinen. Aber es war dann doch nicht das Letzte, obgleich ich im Schach auch künftig keine höheren Erfolge errang.
Das letzte wäre es gewesen, wenn es für immer geblieben wäre. Aber so war es eine Durchgangsstation. Und so freue ich mich, dass der sprichwörtliche Letzte bislang nicht kam. Er hätte zweifellos das Licht ausgemacht. Auch lache ich nicht am besten, weil ich dann ja selbst der letzte wäre.
Halten wir dies einmal für alle Ewigkeit fest. Nichts gerät schneller in Vergessenheit als der letzte Schrei.

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