Die Aufgussparabel

Für Friederike

Zwei, drei Jahre wird es wohl her sein, da hörte ich, Huberts Kelle sei gestohlen worden. Hubert ist ein kunstfertiger Aufgießer in einer Sauna, die ich bis heute gern besuche. Er hatte sich die Kelle, wenn ich’s mir recht gemerkt habe, eigens anfertigen lassen. Und sie passte gut zu seinem Verständnis eines perfekten Aufgusses. Möglichst viel an Flüssigkeit zügig auf den heißen Stein gebracht, das sorgt für schnelle Hitzewallungen, vor allem oben in der dritten Etage, wo die Harten sitzen. Und dann mit Bedacht und Handtuch, nicht zu groß, gewedelt. Schwitz.

Nun musste Hubert einen biederen Holzlöffel schwingen, der kaum Flüssigkeit fasste. Es war, als ob man seinen Fingerabdruck gestohlen hätte.

Ähnlich wäre es, was aber glücklicherweise bislang unterblieb, wenn jemand Rolands Handtuch entwendet hätte. Roland vollzieht damit nämlich seine berühmte Rolandrolle. Dabei wird das Handtuch des Aufgießers beim Prozess des Wedelns zunächst zusammengerollt und dann mit Schwung wieder aufgerollt, sodass sich die Hitze bis in die hintersten Winkel der hölzernen Kammer ausbreiten kann.

Wir lernen also zwei Dinge, Aufgießer werden in der Regel mit dem Vornamen benannt und zweitens hat jeder eine Art persönliche Handschrift. Allesamt aber streben sie nach dem einen und wahren Ritual, dem perfekten Guss. Es nimmt daher nicht wunder, dass es sogar Aufgusswettbewerbe, bis hin zur Weltmeisterschaft, gibt. Den Titel des Deutschen Meisters im Einzel trägt aktuell Farid, gefolgt von Anton und Peter. Im Teamwettbewerb siegten zuletzt die Brüder Hendrik und Florian.

Es gibt Schnellgiesser und Tröpfler, Langsamwedler und Luftpeitscher, Handtuchnutzer oder Fächerschwinger. Es gibt gesprächige und schweigsame Aufgießer. Selbst die Trachten variieren, was freilich ein eigenes Kapitel erfordern würde. Es gibt Kellennutzer oder Kochlöffelfreaks, Schütter oder Spritzer, manche legen Eisbälle auf, als wären sie DJs. Manche tanzen, andere bewegen ausschließlich den rechten Arm. Und es gibt den Roland mit seiner Rolle, der zwischen den Runden eines Aufgusses auch mal Pflaumenschnaps serviert. Andere Aufgießer setzen sich zwischen den Runden gern mal selbst ins Publikum und schwitzen ein bisschen mit. Es soll auch welche geben, die während des Rituals Gitarre spielen oder singen. (Oder beides)

Was aber ist der perfekte, der einzige und wahre Aufguss? Dazu muss man wissen, es gibt nur wenige Saunen, in denen während der Zeremonie gesprochen werden darf. Genau in diesen aber hält sich die Geschichte und wird von Schwitzer zu Schwitzer weitergegeben. Demnach gab Nathan, der Uraufgiesser, sein Geheimnis an drei ihm gelehrig erschienene Gefolgsleute weiter, auf dass sie es bewahren und dereinst an ihre Schülerinnen und Schüler weitergeben sollten. Der erste freilich erwies sich als vergesslich, der zweite als kreativ, der dritte war einfach stur und nahm ungern Ratschläge an. Und so blieb Nathans Geheimnis nicht in der ursprünglichen Form erhalten. Ein jeder strebt seitdem, die Wahrheit einzig seiner Zeremonie zu erweisen.

Nun, mir selbst scheint das Problem nicht allzu groß, schließlich geht es beim Saunieren nicht um Glaubensfragen. Zwar scheint mir klar, wie das Geheimnis in Wahrheit lauten müsste. Aber gern lasse ich mich überraschen, was der nächste Aufgießer für heiße Scheiben in seinem Schwitzkasten auflegen wird. Wollen wir gemeinsam hoffen, dass Hubert und Roland sich möglicht nie persönlich in der Sauna begegnen.

Und wenn euch diese Kolumne gefallen hat, dann bitte auf die Bank klopfen und im Chor „Heißen Dank“ skandieren.

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