
Vor einiger Zeit war ich in den Straßen Annabergs unterwegs. Unversehens sprach mich eine ältere Dame an: Ach, einer mit Fliege! Das muss der Pfarrer sein!
Ich wurde gebeten, für eine Zeitschrift in Radebeul einige Gedanken zu Mode und Theologie aufzuschreiben. Nun, da ist zunächst zu sagen, dass ich mich die meiste Zeit meines Lebens überhaupt nicht für Mustermix, Stilkritik oder „Stoffwechsel“ interessiert habe. Als ich ungefähr 45 Jahre alt war, änderte sich dies, was nicht unbedingt nötig, gleichwohl aber schön war. Noch nie hat die Mode dem Kriterium der Nützlichkeit entsprochen.
Warum ich begann, mich für Mode zu interessieren, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich bemerkte ihren Reiz, vor allem faszinierte mich, dass sich hier offenbar ein eigenes Forschungsgebiet auftat. Denn die Mode besteht nicht darin, sich anzuziehen. Die Mode will verstanden werden, obgleich das niemand kann (Paradox: der Theologie geht es im Grunde genau so).
Warum und wie sich Menschen kleiden, folgt in aller Regel nicht den Gesetzen der Logik. Vermutlich drücken sie damit eher etwas über ihr Selbstverständnis aus, stellen ihr Weltbild gewissermaßen auf den Laufsteg. „Eine Jeans ist nicht einfach eine Hose, eine Jeans ist eine Lebenseinstellung“ (Ulrich Plenzdorf). Etwas abgewandelt könnte man solches über die Robe zum Semperopernball oder den Fanschal im Dynamostadion sagen.
Freilich, auch das stimmt: Mode und Kirche wollen sich nicht recht zu einander gesellen. Herr Schick findet selten nur den Platz neben Frau Schicklichkeit. Manchem scheint es geraten, die Mode mit Sebastian Brandt dem „Narrenschiff“ anheimzugeben: „Wer neue Moden bringt durchs Land, der gibt viel Ärgernis und Schand und hält den Narren bei der Hand.“
Und ja: die Mode ist so hässlich, dass sie aller paar Monate gewechselt werden muss, wie Oscar Wilde pointiert feststellte.
Aber wenn ich nun einmal als Narr sprechen sollte, dann würde ich mich durchaus meiner Narrheit rühmen. Solange mich der Himmel kennt, mag ich mich nicht gruseln in Anbetracht der allzu irdischen Modesünden.
Nebenbei sei erwähnt, dass ich mich aktuell einer etwas außergewöhnlichen Fastenaktion unterworfen habe: 40 Tage ohne Querbinder.

Freue mich übrigens über Rückmeldungen zu meinen Gedanken, gern als Kommentar.

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