Zuerst veröffentlicht in Knittels Kolumne, Stadtanzeiger Annaberg-Buchholz, Ausgabe für April 2024

„Gesellig, freundlich, kostfrei, kurzweilig, schwatzhaftig und lustig.“ Mit diesen Worten charakterisierte seinerzeit der Chronist Paulus Jenisius die Wesensart der Erzgebirger. Das Wort „poetisch“ fehlt in der Aufzählung. Gleichwohl habe ich mich gefragt, welche Freundinnen und Freunde des geschriebenen Wortes unsere Stadt hervorgebracht hat. Den Anlass dazu bot mir der „Welttag des Buches“, der seit 1995 auf Initiative der UNESCO jährlich am 23. April begangen wird.
Besagter 23. April ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes, freilich beide nicht aus Annaberg-Buchholz. Die Frage lag also nahe, auf welchen Seiten einer (natürlich noch zu schreibenden) Weltchronik des Buches die schöne Stadt Annaberg-Buchholz ihren Platz findet. Als Krimifreund fällt mir da zunächst auf, dass unter den gedruckten Texten mit Verbindung nach Annaberg-Buchholz jüngst einige Neuzugänge in den Regalen der Kriminalliteratur zu verzeichnen waren. Manche kennen den verschrobenen Professor Jan Berghaus oder den Hauptkommissar Ralf Lorenz vielleicht. Beide haben gemeinsam, dass ihre Erfinderinnen oder Erfinder in Annaberg-Buchholz geboren sind: Renè Seidenglanz, Danielle Zinn oder Anett Steiner. Sicher gibt es weitere Beispiele im Bereich des gruseligen Metiers. Aber bekannt ist natürlich auch, dass nicht alle den Kriminalroman überhaupt unter die Literatur rechnen. Meiner Meinung nach zu Unrecht.
Schauen wir auf die Dichtkunst im engeren Sinne, erinnern viele sich gewiss an Arthur Schramm (1895-1994): „Im Wald da steht ein Ofenrohr, nu stellt Euch mal die Hitze vor…“ Exzentrische Poesie gewiss, wenn man sie denn so nennen möchte. Es ist auch nicht sicher, ob die Worte überhaupt auf Poeten Schramm zurückgehen, aber sie werden unter seinem Namen geführt. Nun, ich mag solche Originale, wie Arthur Schramm offenbar eines war. Und so mag er mir als Dichter durchgehen, obgleich ich doch etwas Zweifel hege. Nebenbei trat er übrigens auch als Erfinder in Erscheinung. Auf ihn gehen etwa zurück: der Zeppelin-Fliegenfänger, der MIRAMM-Kaffeefilter oder die Riez-Rasierplatte.
Als Dichter und Denker in einem ebenfalls sehr vielfältigen Sinn trat um 1900 herum der Annaberger Johann Heinrich Köselitz (1854-1918) in Erscheinung. Er war zugleich auch Komponist. Bekannt war Köselitz auch unter dem Namen Peter Gast, den Friedrich Nietzsche ihm verlieh, mit dem Köselitz eine enge Freundschaft verband. Zu den literarischen Werken Johann Heinrich Köselitz‘ gehörten neben Fabeln, Humoresken und Essays auch Mundartgedichte wie z. B. das Werk „Ze Rockn“, in dem es u.a. heißt: „Iech red’, wie mir dr liebe Gott ne Schobel wachsn ließ; kimmt’s epper mol ze hanebieng, do seid mer neer net bies!“ (Könnte ich mir gleich als Motto für meine Kolumne übernehmen!)
Beim Stichwort Mundart-Poeten fallen weitere Namen wie Emil Müller (1863-1940), Anna Wechsler (1862-1922), Friedrich August Möbius (1869-1939) oder Erich Goldberg (1888-1941), um nur einige Beispiele zu nennen. Und vermutlich würden die meisten den literarischen Ort Annaberg insbesondere mit Mundart-Werken verbinden. Aber das Annaberger Oeuvre ist durchaus breiter aufgestellt. Christian Felix Weiße (1726-1804) beispielsweise wird als ein wichtiger Begründer der deutschen Kinder- und Jugendliteratur gefeiert. Charlotte Worgitzky (1934-2018), gebürtig in Annaberg, lebte später als freie Schriftstellerin in Berlin und setzte sich u.a. für die Gleichstellung von Frauen ein. Und, nicht zu vergessen, Christian August Clodius (1738-84), ebenfalls in Annaberg gebürtig, war in Leipzig Professor (u.a.) für Dichtkunst in Leipzig und einer der Lehrer Goethes. Letzterer machte sich allerdings eher über ihn lustig und schrieb einige Spottgedichte über seinen Lehrer.
Was sagt uns das? Nun, ganz genau weiß ich das auch nicht. Auf jeden Fall wurden und werden in Annaberg-Buchholz immer wieder literarische Texte verfasst. Das mag auch in Zukunft so bleiben. Auf jeden Fall wäre der 23. April 2024 eine gute Gelegenheit, unsere Stadtbibliothek aufzusuchen, den Kindern oder Enkeln abends etwas vorzulesen bzw. selbst eine Kolumne zu verfassen, wie ich es vermutlich dann tun wurde. Arbeitstitel: Kät schie – über die Völkerwallfahrt nach Annaberg.

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