Das offene Buch

Glücklich?

Wenn wir die Menschheit einmal mit einer Bibliothek vergleichen würden, einer Sammlung höchst verschiedener Schriften und Druckerzeugnisse, welcher Typ Buch wärst Du dann? Das Buch mit sieben Siegeln, unnahbar und rätselhaft? Oder das offene Buch, das nur darauf wartet,
von allen gelesen zu werden? Wärst Du ein Unterhaltungsroman, ein Gedichtband oder ein Sachbuch? Trügest du ein farbenfrohes Cover an dir und verspielte Illustrationen in dir? Oder wärst Du nüchtern und sachlich wie ein Pilzratgeber oder ein Begriffslexikon. Wärst du ein
Aufklärungswerk, ein Reiseführer oder ein Andachtsbuch?

„Ich bin ein offenes Buch“, singt die Songwriterin Pe Werner. „Sieh mich wie ein offenes Buch. Lies mich auch zwischen den Zeilen. Sie teilen mehr als Worte mit.“ Andere warnen: „sei lieber ein geschlossenes Buch als eine offene Zeitung.“ Neulich las ich, dass jemand an einem System zur automatischen Erkennung von Emotionen forscht. Somit könnte eine Maschine erkennen, ob
ich traurig, hoffnungsvoll oder zornig bin. Nun ja, meistens sieht man es sowieso. Es braucht in der Regel keine Gesichtserkennung um meinen Gemütszustand zu erfassen.

Im 17. Jahrhundert verfasste der englische Schriftsteller George Herbert ein Gedicht mit dem Titel „Giddines“. Darin unternimmt er ein Gedankenexperiment. Wie wäre es, wenn die Verfasstheit der menschlichen Seele an den Gewändern ablesbar wäre. „O what a sight were
Man, if his attires Did alter with his minde.“ Wenn die Kleider sich automatisch mit dem Sinne wandelten. Es wäre ein Schauspiel, gewiss. Aber wäre es ein gutes?

Wenn ich erschräke und mein Hemd automatisch schwarz eingefärbt würde? Wenn ich plötzlich guter Hoffnung wäre,
sodass meine Schuh grün zu leuchten begännen? Wenn ich in Wut geräte und meine schöne Bluejeans plötzlich in grelles Rot verfiele?

Dankbar?

Es wäre der Zusammenbruch der Zivilisation, schloss George Herbert aus seinem Gedankenspiel. Wenn ich meinem Gegenüber ins Herz schauen könnte, wäre alles Feilschen und Verhandeln wirkungslos. Jegliche Heimlichtuerei wäre ihrer Wirkung beraubt, und damit
auch jegliche Überraschung zunichte gemacht.

Sagen wir mal so: Es ist schon ganz praktisch, dass es keinen direkt Draht zwischen Herz und Hemd gibt, dass die Kleider keine Seelenspiegel sind. Denn wir wären dann im Grunde nackt, obwohl wir vielleicht bestens gekleidet wären. Es ist gewiss auch reizvoll, dass man aus der
Gewandung nicht zweifelsfrei schließen kann, wie mein Gegenüber gerade drauf ist.

Ob er mich mag oder sie mich insgeheim auslacht, bleibt vage. Manchmal gibt die Kleidung vielleicht Signale. Aber die sind praktisch immer mehrdeutig. Ganz genau kann ich es nicht sagen, ob die Kleidung eine Verkleidung ist oder ein ehrliches Kennlernangebot.

Hemd und Frack, Schirm und Melone, bleiben sie am Ende Bücher mit sieben Siegeln? Ja und nein. Ja, denn es wäre tatsächlich langweilig, wenn die Menschen immer nur nackt umherlaufen müssten. Das Wechselspiel von Enthüllen und Verhüllen ist zweifellos reizvoll, in vielerlei
Hinsicht. Zugleich gilt aber auch das Nein. Jedes Kleid ist eine Enthüllungsgeschichte. Wir wissen nicht genau, was da offenbart wird. Aber gespannt sind wir schon, ob wir es irgendwie herausbekommen könnten. Und so kommen Gespräche in Gang, Gedanken nehmen ihren Lauf.

Und genau das ist doch Sinn der Bücher. Keines wurde geschrieben, um verschlossen zu bleiben. Gelesen will es werden, diskutiert und entschlüsselt. Bücher setzen verschiedene Interpretationen frei. Kleider tun im Grunde auf ihre Weise dasselbe. Kein Zweifel, selbst das hochgeschlossene Kleid ist ein weitgeöffnetes Buch. Und so lange der Laufsteg des Lebens nicht geschlossen wird, bleibt das Rätseln und Diskutieren über den Sinn der Gewänder in vollem Gange. Ein kleines Geheimnis kann ich aber hier verraten. Die Sachlichkeit hat in meinem begehbaren Kleider-Bücherschrank leider nur ein kleines Kämmerchen zugeteilt bekommen. Wenn ihr’s glauben wollt.

Gelassen oder ratlos?

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