Gürtel und Schuh

Weg hast du allerwegen. An Mitteln fehlt dirs nicht. (Paul Gerhardt)

Jedes Kind, das seine Kinderjahre unter Maßschneidern und Schuhmachern verbracht hat, kennt die Grundregel. Der Gürtel muss farblich immer zu den Schuhen passen. So besagt es der
Gürtel-Knigge. Und so gilt es, seit es Gürtler gibt. Übrigens gilt der Gürtlerstreik, der sich 1329 in Breslau ereignete, als der erste Arbeitskampf im deutschsprachigen Raum.

Und so darf man meinen, der Schuhmacher sei des Gürtlers bester Freund. Ganz sicher bin ich da freilich nicht, denn mir fällt auf, dass es zunehmend Schuhmacher gibt, die selbst Gürtel herstellen. Einer meiner Lieblingsschuster, wenn man denn die industrielle Schuhfertigung überhaupt so nennen darf, bietet eigentlich immer den passenden Gürtel gleich mit zum Schuh
an. Somit spare ich mir den Weg zum Gürtelmacher und der Schuh hält länger. Praktisch.

Als freiheitsliebender Mensch frage ich mich trotzdem, ob der Gürtelknigge tatsächlich recht hat. Manchmal scheint es mir sogar langweilig, den grauen Schuh mit grauem Gürtel zu unterstreichen. Hat er das nötig? Dann wenigstens ein farbenfrohes Oberteil dazu, oder rote
Socken. Sicher hat die Wahl ihre Berechtigung, wenn man beispielsweise zu einem Gläschen Grauburgunder geladen ist. Rebe trifft Robe, klarer Fall.

Aber ich persönlich möchte mir
erlauben, den Gürtelknigge gelegentlich zu durchbrechen und den gelben Gürtel mit einem violetten Schuh zu kontrastieren. Wer mutig ist, kann fehlgehen, wer nicht mutig ist, geht immer fehl.

Unbestritten ist freilich, dass die Schuhe in aller Regel nicht ohne Gürtel aus dem Haus gehen sollten. Neulich nahm ich mit Schmunzeln zur Kenntnis, dass es sogar für katholische Priester und Ordensleute einen eigenen Gürtel gibt, das Zingulum. Und dass man offenbar beim Anlegen dieses Gürtels ein Ankleidegebet spricht: Umgürte mich, Herr, mit dem Gürtel der Reinheit. So beginnt es. Ehrlich gesagt fand ich aber ein anderes Gebet noch schöner, nämlich das eines Gürtlers: „Mein Gott, lass mein Herz jederzeit mit des Gewissens Freudigkeit und Wahrheit stets umgürtet sein.“
Beim Wandern merke ich immer wieder, dass der Gürtel neben dem festen Schuhwerk eine wesentliche Zutat ist. Auch in beruflicher Hinsicht wurde mir das jüngst bewusst. Denn ich wäre
an den Altarstufen beim Hinaufgehen beinahe über den Saum meines Amtsgewandes gestolpert, das eben keinen Gürtel hat. Ist das ein Grund, katholisch zu werden?

Schon beim guten alten Herodot, einem der frühesten Historiker, lesen wir: Sich gürten bedeutet Aufbruch, das Lösen des Gürtels dagegen Rast. Gürtel und Schuh bilden somit zweifellos ein Paar. Sie müssen nicht farblich abgestimmt sein, aber sollten möglichst immer gemeinsam aus dem Hause gehen. Sie sind Symbole des Aufbruchs. Gürtel und Schuh braucht wer Ziele hat.

Es möge daran nie fehlen, auf dass wir trittsicher und ohne Stolpern die Wallfahrt das Lebens bewältigen. Und vielleicht sollten wir beim Kauf eines schicken neuen Gürtels (denn
auch das Auge will nicht zu kurz kommen) bedenken, wohin wir damit laufen möchten. Es gibt Gürtel für steile und schmale Bergpfade, für das City-Jogging, für den Weg der Einkehr oder auf
die Bühne. Wohin wir auch gehen, Schuh und Gürtel können uns zu Bildern für Mut und Zuversicht werden. Und so mögen die Schuhe geleitet sein, so wie es ein altes biblisches Gebet ausdrückt: „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ Und mag der Gürtel, der unseren Schritt in Form hält, auch hier und da zum Schmuck und zur Freude dienen. Einen guten Weg wünsche ich.

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