Eine Art Mode-Predigt, Neudorf, 10.11.2024

Was soll ich anziehen? Diese Frage teilt die Menschheit in verschiedene Gruppen.
Die eine Gruppe scheint nicht allzu klein, genaue Zahlen habe ich nicht. Ihre Mitglieder stehen morgens vor einem prall
gefüllten Kleiderschrank und seufzen: Warum habe ich immernichts anzuziehen?

Die zweite Gruppe scheint ebenfalls nicht sonderlich klein. Vorwiegend hat sie wohl männliche Mitglieder: Sie stehen morgens vor einem leeren oder halbleeren Stuhl. Schatz, hast Du mir heute nichts rausgelegt?

Die dritte Gruppe ist recht klein. Genau genommen besteht sie wahrscheinlich nur aus mir sowie einigen wenigen Exoten.
Ich stehe also morgens vor einem kleinen Schränkchen, das ich mir selbst hergerichtet habe. Es ist eine Art Apothekerschränkchen mit vielen kleinen Schubladen, die noch mal in sich untergliedert sind. Darin lagen meine
reichlich fünfzig Fliegen, denen ich übrigens inzwischen Namen gegeben habe, um nicht den Überblick zu verlieren. Wer ist heute dran? Edward, Hannah oder Vigilius?

Was soll ich anziehen? Kleine Anekdote nebenbei: Ich bin letztes Jahr mal in Annaberg unterwegs gewesen, und plötzlich spricht mich eine ältere Dame an. Hier kommt einer mit Fliege. Das
muss der Pfarrer sein. Ich musste schmunzeln. Ist zwar nicht meine Dienstkleidung, stimmt aber trotzdem. Naja. Manche nennen mich Mode-Pfarrer. Und so will ich heute tatsächlich
mal über die Mode predigen.

Über die vierte Gruppe ist am wenigsten bekannt. Ihre Mitglieder wählen morgens zwischen einem schwarzen Hoodie und einem schwarzen Hoodie und geben vor, dass es ihnen völlig egal sei, was man so trägt.

Wahrscheinlich ist das nur eine kleine Auswahl. Ja, die Frage: „Was soll ich anziehen?“ kann ziemlich gewichtig werden. Ich will ja nicht, dass jemand über mich lacht. Andererseits will ich auch nicht, dass man mich für eitel hält oder für zu freizügig vielleicht auch.

Kleider machen Leute, heißt es ja. Ich will nicht overdressed wirken, aber auch nicht billig. Nicht langweilig, aber auch nicht exotisch. Irgendwas zwischen Schick und schicklich. Und natürlich soll niemand merken, dass ich eine halbe Stunde gebraucht habe, das Outfit zusammenzustellen. Das wäre natürlich nicht cool, was aber genau das Ziel ist.
Was soll ich anziehen? Ich finde das Wort anziehen sehr interessant, weil es so mehrdeutig ist. Vielleicht hat jemand
auch schon mal zu Dir gesagt: ich finde Dich anziehend. Dann ist ja eher Sympathie, Zuneigung, vielleicht sogar Liebe gemeint, nicht so sehr das Äußere. Obwohl das Äußere natürlich zur Anziehung beitragen kann. Aber anziehen ist schon mehr als Klamotten anlegen. Anziehen heißt: in Verbindung treten, sich mögen. In der Bibel steht, dass Gott die Menschen erschaffen wollte, um ein Gegenüber zu haben. Es klingt jetzt ein bisschen komisch, aber es ist auch nicht falsch: Gott suchte etwas zum Anziehen. Nicht im Sinne von Kleidung, sondern er suchte Geschöpfe, die er lieben könnte und die ihn auch liebten.

Nebenbei bemerkt, in der St. Annen-Kirche in Annaberg gibt es eine Darstellung Gottes, die ihn tatsächlich mit Kleidung
darstellt. Das ist nicht allzu häufig. Gott trägt Schuhe, übrigens nach damaligen Zeitgeschmack moderne Schuhe, und einen schicken Mantel. Gott kleidet sich mit dem Himmelszelt, wenn man die Ornamente als Sterne deuten darf. Gott zieht die Schöpfung an. Und Gott will seinerseits von uns angezogen werden. Bei Paulus gibt es eine Bibelstelle: Zieht
an den Herrn Christus (Römer 13,14). Und er sagt auch: als ihr getauft wurdet, habt ihr Christus angezogen (Galater 3,27).
Anziehen ist ein Wechselspiel. Gott zieht mich an und er möchte von mir angezogen werden. Ein Bild für Gemeinschaft, für Liebe geradezu. Die Liebe ist sozusagen das Modehandbuch Gottes. Aber auch in der Beziehung zu Gott ist es so, dass wir manchmal nicht wissen, was wir anziehen sollen. Auch der religiöse Kleiderschrank scheint manchmal so leer. Ich hab nichts, was ich anziehen soll.
Darum ist es manchmal gut, angezogen zu werden. Ich greife wiederum ein Beispiel aus dem stofflichen Kleiderwesen auf.
Früher wollte ich möglichst nicht angesprochen werden, wenn ich einen Laden betrat. „Ich schau mal. Ich komm schon zurecht.“ Heute weiß ich, es ist immer gut, von anderen Tipps zu bekommen. Ich lasse mich zunehmend gern beraten. Denn manches, was ich gern trage, hätte ich nicht selbst ausgewählt. Ich finde es auch toll, wenn manche Menschen die Gabe haben, sich in andere hineinzudenken und zu beraten: Probier das mal an. Das steht dir.
Jetzt auf Gott übertragen: Der Bibelspruch, den ich als Grundlage meiner Predigt genommen und bisher noch gar
nicht zitiert habe, spricht davon, dass Gott mich anzieht.
„Meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.“ Jesaja 61,10
Meine Seele ist fröhlich. Da sage noch mal einer, Kleider könnten nicht glücklich machen. Sie machen zwar tatsächlich manchmal auch unglücklich, aber sie können doch Glück ausdrücken und mich fröhlich werden lassen. Ich freue mich, dass Gott mich schick gemacht hat. Nicht unbedingt im Wortsinn, aber er hat mir Kleider des Heils angezogen und einen Mantel der Gerechtigkeit.
Gott hat mich bekleidet, das können wir so übersetzen: er hat mich angenommen. Er findet mich schick, wenn ich mal im Bild der Mode bleiben darf. Er liebt mich. Und wenn hier steht: er hat mir einen Mantel der Gerechtigkeit übergeworfen, dann ist Gerechtigkeit nicht als ein Qualitätsmerkmal gemeint. Ich bin weder ein Held, noch ein Supermodel.
Gerechtigkeit ist nach dem biblischen Verständnis: Sinn für Gemeinschaft. Gerecht ist, was dem Miteinander dient. Der Mantel der Gerechtigkeit bedeutet, Gott hat sich mit mir verbunden, er wärmt mich, beschützt mich, ja, er schmückt mich auch.
Gott hat mir schöne Gewänder angezogen. Gewänder, die mich zu einem fröhlichen Menschen werden lassen. Wieder ein Beispiel aus der Praxis des Mode-Pfarrers dazu. Mir geht es tatsächlich manchmal so, dass mich das Anziehen fröhlich macht. Nicht weil es anderen gefallen soll, sondern eher weil ich mir sage: ich mag mich so. Und wenn in der Bibel steht, dass Gott mich einkleidet, dann verstehe ich das genau so: er ermöglicht mich zu mögen. Er zieht mich an, gibt mir also die Gewänder des Selbstvertrauens und der Fröhlichkeit, und darum zieht er mich an, so dass ich auch von mir aus seine Nähe suche.
Und das tut er gerade dann, wenn ich manchmal ratlos bin, weil ich nichts zum Anziehen habe. Das Anziehen heißt, in Verbindung miteinander zu treten. Nichts zum Anziehen haben ist auch ein Bild für Einsamkeit, Auf-sich-allein gestellt sein, ohne ein Gegenüber. Das entspricht uns Menschen aber nicht. Wir sollten etwas zum Anziehen haben.
Gott sucht meine Nähe, er bekleidet mich, und ich antworte mit meiner Hinwendung zu ihm. Wieder ein Vergleich zur Mode: Auch mit Klamotten treten wir manchmal in einen Dialog miteinander, senden Botschaften aus, hören einander zu, wenn wir einander anschauen.
Ich komme zurück auf die Frage vom Anfang: Was soll ich anziehen? Dazu nun noch ein paar praktische Tipps:
Erstens: Das Anziehen macht am meisten Spaß, wenn du es nicht so wichtig nimmst. Kleider des Heils heißt nicht, dass
man sich mit Kleidern den Himmel öffnet. Die Mode ist eine schöne Nebensächlichkeit, für manche. Aber wer sie nicht mag, der kann auch ohne sie leben. Wenn die Mode mir Stress macht, sollte ich sie als unmodern erklären. Klamotten sind keine Heilsbringer. Sie können Spaß machen, müssen aber nicht.
Zweitens: Vor dem Anziehen ist es hilfreich die Frage zu stellen: Was zieht mich an? Der Bibelvers aus Jesaja gibt mir den Impuls, dass viele wertvolle Dinge in meinem Leben nicht erarbeitet, sondern geschenkt sind. Dass ich behütet, ummantelt, für wertvoll erachtet bin, das habe ich empfangen. Das, was ich dann anziehe, kann Fröhlichkeit darüber ausdrücken, Geborgenheit auch. Die Kleider bringen nicht das Heil, aber sie können ausdrücken, dass Gott mir heilvolle Zuwendung schenkt. Klamotten sind für mich keine Glaubensfragen, aber sie können den Glauben spiegeln. Dass Gott mich liebt, lässt mich frei und fröhlich leben.
Drittens: Frage nicht sehr danach, was andere über deine Klamotten denken. Lass sie eher Ausdruck dessen sein, wie es
dir geht. Manchmal entspricht mein Gesicht nicht meinen Klamotten. Dann habe ich mich verkleidet. Wenn sich aber
meine Freude, ja, und manchmal auch meine Traurigkeit in meinem Gewand spiegelt, dann ist die Kleidung auch ein
bisschen ein Spiegel meiner Seele. Nach meiner Meinung hat Gott nichts gegen schöne Gewänder, obwohl die Kirche zugegebenermaßen recht oft dagegen argumentiert hat. Gott freut sich, wenn ich merke, dass ich geliebt bin, von ihm zuerst und dann aber auch von meinen Lieben um mich her. Die hat Gott mir nämlich auch geschenkt.

So oder so: schaut nicht sauertöpfisch in den Kleiderschrank. In der Bibel steht: Sorgt nicht, womit ihr euch kleiden sollt.
Gott kleidet euch ein, mit Liebe und Würde. Und dann könnt ihr euch kleiden, wie es euch gefällt. Was ihr in Liebe tragt, wird gut aussehen.
Fragen zum weiteren Nachdenken:
- Was ist Kleidung, in der du dich wohlfühlst?
- Wovon fühlst du dich angezogen?
- Wenn du dir ein Kleidungsstück von Gott wünschen könntest, welches würdest du dir wünschen?
- Gute Schuhe für einen neuen Weg?
- Einen Hut um beschützt zu sein?
- Einen Mantel, der wärmt?
- Eine fröhliche Fliege, weil du dich gerade geliebt fühlst?
- Ein Taufkleid, weil du mit Gott im Bunde sein möchtest?

Segen
Gott sei vor dir, wenn du den Weg nicht weißt. Gott sei neben dir, wenn du unsicher bist. Gott sei über dir, wenn du Schutz brauchst. Gott sei in dir, wenn du dich fürchtest. Gott sei um dich wie ein Mantel, der dich wärmt und umhüllt.
Und bitte beim Hinausgehen aus dem Haus folgendes beachten 😀


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