
Zu Weihnachten ist er nun also bei mir eingezogen. Der Pfau. Gemalt von Kerstin Lungmuss (rizi_art). Bunt, raffiniert, etwas exzentrisch, wie man ihn eben kennt. Auf Nachfrage hin fiel das Urteil der community recht einhellig aus: 91 % meinten, dass er wohl recht gut zu mir passe, wenn nicht gar mit mir identisch sei.
Nun, mir gibt das freilich auch zu denken. Denn sicher nicht gänzlich ohne Grund attestieren ihm gelehrte Menschen wie etwa Kurt Tucholsky einen gewissen Mangel an Intelligenz.
„Klug bin ich nicht. […] Viel liegt nicht hinter meiner Vogelstirn. Ich will gefallen – immer nur gefallen – Ich bin ein schöner Pfau. Ich brauche kein Gehirn.“ Offenkundig hat der Pfau keine gute Presse, von gewissen Hochglanzmagazinen einmal abgesehen. Er gilt als Anwalt trügerischer Schönheit. Schicke Flügel, aber unschöne Füße. Nach Auskunft des Physiologus, einem frühchristlichen Werk der ersten Jahrhunderte, beginnt er unverzüglich, äußerst misstönende Laute von sich zu geben, sobald er seine Füße erblickt. Nur gut, dass diese neben seinen prachtvollen Federn nicht immer gleich auffallen.
Kein Zweifel, an Eitelkeit macht ihm keiner so schnell etwas vor. Und so eignet er sich wohl nur begrenzt als Wappentier des Intellektuellen.
Nun gut, auch Literaturkritiker oder Hobbyliteraten spreizen sich zuweilen gern mit ihren Federn und balzen um die Gunst der Kulturgemeinde. Aber natürlich sind das Einzelfälle. Ausnahmen bestätigen, dass die Regel eine andere ist. Die Demut ist des Künstlers wahre Berufung.
Ihr merkt, ganz sicher bin ich noch nicht, ob der Zeitpunkt günstig sei, meine Pfauen-Chroniken ins Werk zu setzen. Möglicherweise ist die Zeit noch nicht reif dafür und das Rad regt nur wenige zur Abfahrt an.
Es könnte freilich auch sein, dass ich mir das Pfauenmotiv gar nicht selbst gesucht habe. Denn, dass ich in der einst glorreichen Textilarbeiterstadt Crimmitschau geboren wurde, dazu habe ich selbst nichts beigetragen. Und dass die Gebrüder Pfau in den guten alten Zeiten von dort aus ihre schicken Stoffe der ganzen Welt zum Grusse darboten. Es geschah ohne mein Zutun. Ihre einstige Fabrik ist heute ein Museum. Und dass ich in den VEB Volltuchwerken meine Spezialisierung als Instandhaltungsmechaniker in den technologischen Ausrüstungen der Textilindustrie fand. Es gab eben damals nichts anderes für mich.
Möglicherweise ist es ja so. Zum Pfau wird man geboren. Wer hätte diesem Wundervogel jemals aus eigenem Antrieb geradewegs ins Auge geblickt.
Naja, wir wollen nicht pathetisch werden. Aber immerhin sei es gesagt: Als Francessco Cossa in den 1470er Jahren den Engel Gabriel bei seiner Verkündigung an Maria ins Bild setzte, versah er ihn mit Pfauenflügeln. Man kann sie noch heute bei den alten Meistern in Dresden bestaunen. Und als der gute alte Goethe einmal eine Pfauenfeder in einer Koranausgabe fand, veranlasste ihn selbiges zu einem Lobpreis der Pfauenaugen:
„An dir, wie an des Himmels Sternen ist Gottes Größe im kleinen zu lernen. Dass er, der Welten überblickt, sein Auge hier hat aufgedrückt, und so den leichten Flaum geschmückt, dass Könige kaum unternahmen, die Pracht des Vogels nachzuahmen.“
Vielleicht ist der Pfau tatsächlich eben einfach ein Ziervogel. Nicht praktisch oder tugendhaft. Aber mit Freude anzuschauen. Der Schöpfer hatte gerade einen vergnüglichen Moment.


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