
Man mag es heute kaum glauben, aber der Überlieferung nach löste des Aufkommen des Zylinders die genannten Symptome aus. Egon Friedell zitiert in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit einen Artikel der „Times“ vom 16. Januar 1797.
„John Hetherington wurde gestern wegen groben Unfugs und Verursachens von Straßenunruhen dem Lordmajor vorgeführt. Es wurde bewiesen, dass Hetherington auf der öffentlichen Straße mit einem Hut auf dem Kopfe erschienen war, den er einen Seidenhut nannte, einem hohen Bau von glänzendem Schein, geeignet, furchtsame Wesen in Schrecken zu versetzen. Tatsächlich sagten einige Polizisten aus, dass mehrere Frauen bei seinem Anblick in Ohnmacht fielen, Kinder schrien und einer aus der Menge, die sich angesammelt hatte, zu Boden geworfen wurde und sich den rechten Arm brach.“
Wir sehen, neue Moden sind nicht ungefährlich. Jedenfalls war der Zylinder zunächst eher verpönt und galt als revolutionäres Symbol. Aber das machte ihn wiederum interessant. Und so spricht der erwähnte Egon Friedell sogar von der Weltherrschaft des Zylinders, welche mit dem Auftreten Hetheringtons begonnen habe.

Wie viele Weltherrschaften weilte diese allerdings nicht lang. Mitte des 19. Jahrhunderts begann der „Hohe Hut“, wie er auch genannt wurde, wieder von der Straße zu verschwinden.
Dazwischen lag aber noch eine interessante Epoche. Der Zug der revolutionären Gewänder war nämlich – wie so oft – in rasantem Tempo weitergefahren. Und so vermerkt Erika Thiel in ihrer „Geschichte des Kostüms“ über die 1840er Jahre.
„Der brave Bürger tat in dieser unruhigen Zeit besser daran, seinem Zylinderhut treu zu bleiben, dessen revolutionäre Vergangenheit längst in Vergessenheit geraten und der zur unentbehrlichen Kopfbedeckung bei hoch und niedrig geworden war.“
Aus revolutionär war bürgerlich geworden, und im nächsten Atemzug dann konservativ. In einem Beitrag vermerkt der WDR im Jahr 2007: „So ist der Hut, der John Hetherington noch vor Gericht bringt, hundert Jahre später schon ein Kleidungsstück der Reaktion.“ Zwischenzeitlich war er freilich auch eine Zeitlang Bestandteil der Uniform eines Berliner Polizisten.



Interessant finde ich auch den Klappzylinder, Chapeau Claque, den 1823 der Pariser Hutmacher Gibus erfand. Er avancierte zum unentbehrlichen Bestandteil des eleganten Ballanzugs, „wohlgemerkt zusammengeklappt und unter dem Arm getragen“ (E. Thiel) Ja, es gibt schon paradoxe Kleidungsstücke.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt der Zylinder allmählich aus dem Straßenbild präsent, verliert aber etwas an Bedeutung „Schließlich wollte er immer weniger zu der ständig sachlicher werdenden, auf die Forderungen des Tages zugeschnittenen Straßenkleidung passen.“
Insofern scheint der Zylinder zu mir passen, gerade weil er aus der Zeit gefallen ist. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Kleidung nicht unbedingt sachlich oder gar zweckmäßig sein muss. Es reicht, wenn sie einfach schön ist. Das andere klappt dann schon irgendwie.

Falls ihr hingegen Gründe für den Zylinder braucht, auch die gibt es: Lernt Schornsteinfeger, leiht euch ein Pferd oder arbeitet ehrenamtlich als Kutscher. 20er Jahre-Ball mag auch gehen. Aber glaubt mir: der Zylinder spricht für sich. Er verträgt sich auch mit Leder- oder Jeansjacke.

Wie ich hörte, weigerte sich der Maler Adolf Menzel bei der Verleihung des preußischen Adlerordens übrigens seinen Zylinder abzunehmen. Bleibt behütet.

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