Ein weiteres Pröbchen aus meinem neuen Buchprojekt Laufstege und Holzwege

Jüngst erging ich mich auf der Suche nach der Eigenart des Spazierens. Früher, wenn wir mit den Kindern unterwegs waren, war ich gewöhnlich bestrebt, die Wanderung als Spaziergang zu deklarieren. Auf diese Weise suchte ich der Vermutung zu begegnen, es könne sich um eine längere Strecke handeln. Sie glaubten mir freilich höchst selten und waren überdies misstrauisch, wenn es um vermeintliche Abkürzungen ging. Generell sahen sie bereits den ersten Schritt aus der Wohnungstür als Beginn einer straffen Wanderung an.
Wir sehen, Entfernungsangaben sind der Regel relativ und darum nur begrenzt geeignet, das Wesen eines Spaziergangs zu erfassen. Dieser begnügt sich nicht damit, eine Form des Kurzstreckenwanderns zu sein. Ein zweites Kriterium beschreibt den Spaziergang quasi auf dem Weg der Negation, wonach er nämlich ein Gehen ohne Proviant sei. Der Übergang zur Wanderung erfolge just in jenem Moment, da man die Brotbüchse in den Rucksack packt. Nun, auch jene Beschreibung kommt dem Gegenstand unserer Untersuchung nur begrenzt auf die Schliche. Denn leider Gottes gibt es auch Wanderungen mit vergessenem Proviant, diese als Spaziergang zu deklarieren, wäre gewiss verfehlt.
Aussichtsreich scheint es mir, wir würden den Anlauf über die Planlosigkeit nehmen. Spazieren ist ein Umherschweifen ohne Ziel, getrieben einzig und allein von Lust und Laune. Es ist ein Gang ohne Zorn und Eile, neugieriges Dahingleiten auf den Bahnen, die sich vor den Füßen abzeichnen. Fragst du den Spazierenden: wohin des Weges, Freund? So wird die Antwort vermutlich sein: Wie kann ich’s wissen? Schließlich unternahm auch Goethe seinen Osterspaziergang nicht mit einem bestimmten Ziel, ihn etwa allen künftigen pubertierenden Pennälern zur Pflichtrezitation anzubefehlen. Eher schien es sein schlechthin unerklärliches Verlangen, dem Strömen der eisesfreien Bäche einfach so zu folgen.
Nun aber ein zweites. Nicht allein am Ziel, vielmehr auch an Eile mangelt es dem Spazierenden. Er trabt anstatt zu galoppieren. Gedankenverloren schreitet er voran in seinen Reflexionen über Sinn und Geschmack. Flanieren und räsonieren, für eine Weile ist das sein Geschäft.
Wie ich hörte, entstammt das Wort spazieren dem sonnenverwöhnten Italien. Solches überraschte mich nicht. Schließlich zeichnete ein Nordlicht wie Caspar David Friedrich nicht etwa einen Spaziergänger im Nebelmeer, sondern einen Wanderer. Wandern kann man auch bei schlechtem Wetter recht gut, spazieren eher nicht. Somit haben wir ein gerüttelt Maß Sonnenschein als das dritte Kriterium eines Spaziergangs ausgemacht.
Ohne Ziel. Ohne Eile. Dafür mit umso mehr Sonne. Es heißt zwar, das Leben sei kein Spaziergang. Doch sage ich, Freunde, lasst es uns ab und an zu einem solchen machen. Einfach so. So einfach. Anschließend nehmen wir dann wieder Fahrt auf, galoppieren, drücken aufs Tempo oder was auch immer.

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