Wandelbar

Knittels Kolumne im Stadtanzeiger Annaberg-Buchholz 2/2025

Labil, unstet, formbar, variabel und flexibel. Flatterhaft oder beweglich. Die kleine Auswahl der Synonyme zu dem Wort „wandelbar“ zeigt die Weitläufigkeit der Bedeutung. Wandelbar, das kann Lob oder Tadel bedeuten. Ein Bonus am Arbeitsplatz, ein Manko, wenn es um das Bewahren geht.

Ein Paradebeispiel dieser Widersprüchlichkeit ist die Mode, „wandelbar zu aller Schande“, wie Sebastian Brant ihr vor über 500 Jahren im „Narrenschiff“ bescheinigte. Zugleich aber langweilig, wenn sie nicht stetigem Wandel unterworfen wäre.

Wandelbar ist gewiss auch unser Blick auf Reformen. Wir wollen schon irgendwie, dass sich möglichst vieles ändert. Nur müsste dabei natürlich alles bleiben, wie es war. Es gibt bezüglich der Wandlungsfähigkeit offenkundig einen Dissens zwischen Wollen und Können.

Freilich müssen wir auch zugeben, dass manches Neue auf den zweiten Blick durchaus enttäuschend sein kann. Es sei hier erwähnt, dass ich jüngst vor der „Neuen Welt“ stand. Allerdings war sie zwischenzeitlich abgerissen worden. Vor zehn Jahren etwa, als ich das letzte Mal dort war, stand sie noch als Ruine. Nun war nichts mehr von ihr übrig. Wer möchte, kann die ehemalige „Neue Welt“ in Reitzenhain bestaunen, beziehungsweise das, was von ihr übrig blieb. Ich glaube, die Bushaltestelle ist noch da.

Wie viel Wandel darf es also sein? Am Aschermittwoch, in diesem Jahr am 5. März, lohnt es sich, darüber nachzudenken. Dann werden gleich zwei Altäre in Sankt Annen gewandelt. Es werden praktisch die Außentafeln des Bergaltars und des Münzeraltars nach innen geklappt, und plötzlich zeigen sich ganz andere Bilder. Die Leidensgeschichte Jesu Christi kommt in den Blick.

Das Leben wandelt sich immer wieder. Auf gute Zeiten folgen schwere, und darauf hoffentlich wieder bessere. Aber wie wandelbar bin ich? Der Aschermittwoch ist traditionell ein Tag der Selbstprüfung, Frühjahrsbußtag, so wird er auch genannt. Ich bin eingeladen, an- und innezuhalten und meinen Wandel zu wandeln, wo es erforderlich ist. Hoffentlich bin ich noch wandlungsfähig und nicht versteinert. In einem alten biblischen Gebet heißt es: „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“

Eine Antwort zu „Wandelbar”.

  1. Gute Gedanken, du legst den Blick auf „Wandel“ – Veränderung. Der Aschermittwoch lädt ja auch dazu ein. Es beginnt Neues und da muss es Änderungen, Veränderungen geben.

    Mir sprang sofort „bar“ ins Auge wie eindeutig, nackt, frei von, klar erkennbar. Wandelbar, ein Wort mit zwei starken Bedeutungen. Und da frage ich mich ob sich wirklich alles wandeln muss, ob wir uns wandeln müssen.

    Können wir nicht auch, im Wandel, klar erkennbar sein? Vor dem Aschermittwoch hatten wir uns verwandelt, sind in ein anderes Sein abgetaucht. Das ist vorbei, nun sind wir wieder „bar-nackt“,  indem wir sein wollen und können wer wir sind. Das Wandeln in einem anderen Sein ist nicht unser Wandel, das ist abtauchen in die Unwirklichkeit.

    Bar aus der Unwirklichkeit kommen  ist Wandel durch die Passion nach Ostern, in die Auferstehung.

    Folkmar Drechsel

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