Mode und Religion

Auszug aus: Der begehbare Kleiderschrank (Seiten 109-111)

Den Termin habe ich schon mal für das kommende Jahr reserviert. Allerdings rechne ich nicht damit eingeladen zu werden.

Am ersten Montag im Mai treffen sich alljährlich die Stars und Sternchen der Modewelt in New York zur Met-Gala. Man sagt, es sei die bedeutendste Modenacht der Welt. Sie findet im Kostüminstitut des Metropolitan Museum of Arts statt und wird von der aktuell amtierenden Modepäpstin stilgerecht einberufen.

2018 fiel der erste Wonne-Montag auf den siebten Mai. In jenem Jahr kleidete sich die Met-Gala, wie immer nicht unbescheiden, in das Gewand einer Heiligen Nacht. Das Thema lautete in jenem Jahr: Himmlische Körper. – „Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“. Die in Verbindung mit der Gala eröffnete Ausstellung gleichen Titels erwies sich als Besuchermagnet. Mit Unterstützung des Vatikans wurden 40 päpstliche Gewänder und Accessoires aus der Sakristei der Sixtinischen Kapelle ausgestellt, von denen viele außerhalb des Vatikans noch nie zuvor zu sehen waren. Ergänzung fanden sie durch Modekreationen von Chanel, Dolce & Gabbana, Galliano, Jean Paul Gaultier u.a.

Da sage noch mal einer, Mode und Religion wären einander Feind. Es scheint, als sei das Gegenteil der Fall. Mode und Glaube beeinflussen sich gegenseitig, ziehen sich an und inspirieren sich auch dort noch, wo sie sich abstoßen. Es nimmt also nicht wunder, wenn Labels wie „True Religion“, „Eternity“ oder „Made in Heaven“ mittlerweile zahlreicher sind als die Schar der Kirchgänger am Sonntag. Das vermute ich jedenfalls, denn Statistiken liegen mir dazu nicht vor.

Trotzdem bleibt die Frage, mit welchem Recht die Religion einen Platz im Regal der Modegewürze beanspruchen dürfte. Sicher nicht in der Hinsicht, dass es bei der Mode um Erlösung ginge. Zwar beanspruchen die Kleider gleichsam ein Ticket auf die Ewigkeit, zugleich ist kaum etwas so vergänglich wie die Mode.

Eher scheint es, dass die Mode dem Reich der Sünde zugehöre. Nun ja. Auch Modesünden sind verzeihlich. Aber davon sei an anderer Stelle die Rede.

Meine Gedanken gehen jetzt erst einmal in die folgende Richtung. Religion ist der Sinn und der Geschmack für das Unendliche. So lautet eine unter den Theologen vielzitierte Formulierung Friedrich Schleiermachers. Nicht alle stimmen ihm darin zu und wollen in dieses Mäntelchen schlüpfen. Ich mag sie trotzdem, und habe mir das Etikett „Sinn und Geschmack“ sogar für meinen Instagram-Account ausgeliehen. Theologisch bin ich nicht immer im Schleiermacher-Dress unterwegs, aber hier und da finde ich’s schick. Mir kommt es sogar vor, als komme man um den Namen Schleiermacher gar nicht umhin, wenn man sich mit Mode beschäftigt.

Was also lerne ich bei ihm, der übrigens vor ca. 200 Jahren lebte und u.a. an der (heute so genannten) Berliner Humboldtuniversität lehrte?

Zunächst dass man sich nicht scheuen sollte, die Modeverächter mit guten Argumenten zu überzeugen, auch wenn sie am Ende gar nicht überzeugt werden möchten. Das ist ihr gutes Recht. 1799 veröffentlichte Schleiermacher seine „Reden über die Religion“, mit denen er sich „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ wandte. Im Vergleich gesprochen wollte er den Modeverweigerern damit ins Stammbuch schreiben, dass auch die Nicht-Mode Teil der Mode ist und mancher vermeintliche „Atheist“ im Grunde höchst religiös daherkommt. Anschauen, befreundet euch mit dem Begriff, so schrieb der Gelehrte weiter, und ihr werdet in der Tiefe der Wahrnehmung das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit verspüren. Es gibt immer ein Woher. Und auch der kunstfertigste Designer hat sich nicht selbst entworfen.

So vieles ist geschenkt, ohne es beanspruchen zu dürfen. Manches kommt einfach über mich, kleidet mich. Mal mehr, mal weniger schön vielleicht. Aber jedes Einzelstück hat seinen eigenen Wert, seine Geschichte, seine Herkunft, die mich prägt. Wenn meine Kleider mich als Geschöpf erscheinen lassen, das wäre nicht das Schlechteste. Unter den Gewändern meines Lebens darf die Dankbarkeit nicht fehlen.

So kann auch die Mode, gerade weil sie nicht aus dem Paradies entstammt, zum religiösen Statement werden. Eine Offenbarung meiner Her- und Hinkunft gewissermaßen.

Und schließlich ist da noch die Unterscheidung zur Metaphysik und Moral, die nach Schleiermacher zu den Erkennungszeichen der Religion gehört. Die Metaphysik strebt nach dem Verstehen der Welt, die Moral nach ihrer Verbesserung. Die Religion gefällt sich darin, das Ganze zu betrachten.

Wir müssen es freimütig einräumen, die Mode macht die Welt nicht besser und vermutlich auch nicht sinnvoller. Doch wenn es hier und da etwas Schönes zu sehen gibt, so mag das nicht als gering gelten. Die Anschauung ist „manchem sein Ganzes“ wie man gelegentlich, wenn auch grammatisch unkorrekt, zu sagen pflegt. Und so ist die Mode vielleicht gerade darin religiös, dass sie den Menschen an seine Grenzen erinnert und ihm zugleich einflüstert, es wäre mit der ewigen Jugend noch nicht gänzlich am Ende.

Und so mag mir die Religion gleichsam als das seidene Innenfutter des Sakkos gelten, als die Goldborte am Ornat oder die Ziernaht meiner Jeans. Der Glaube an die Haltbarkeit in Anbetracht der Vergänglichkeit. Zunächst verbleibt es mir aber, dem Augenblicke anzusagen: Verweile doch, du bist recht schön.

Fotos: @c.normann.photography

Mehr über den begehbaren Kleiderschrank findest Du hier:

https://schnuersenkelkolumne.blog/ueber-mein-buchprojekt/

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