Gastbeitrag von Friederike Seerig (@gruenmeer)

Heute ist mal wieder Zeit für einen Gastbeitrag. Friederike Seerig hatte schon einmal etwas zur Verfügung gestellt (die Schuhe meines Lebens). Nun hat sie, angeregt durch meine Überlegungen zum neuen Buchprojekt Rebe trifft Robe, einen Text über die großen Weine ihres Lebens geschrieben. Das freut mich sehr. Friederike gehört übrigens zu unserer Mutzettelgruppe, einem Kreis von Menschen, die sich für das Schreiben interessieren und dieses quasi als Hobby betreiben. Gegenwärtig arbeitet sie mit Johannes auch an einem Roman. Ein tolles Projekt. Davon werdet ihr sicher noch hören beziehungsweise lesen.
Es wäre schade um solche wunderbaren Texte, wenn sie nie veröffentlicht würden. Danke, liebe Friederike, für deine Freigabe des Textes und weiterhin viele gute Gedanken beim Schreiben und posten.
Die großen Weine meines Lebens
Man soll ja eigentlich bei Gelegenheit über Terroir sprechen, über Jahrgänge oder Barrique, über das Bouquet vom Merlot und mineralische Anklänge und filigrane Tannine. Das alles kann ich nicht. Ich bin kein Weinkenner. Ich bin nicht einmal ein Wein-„Durchschmecker“.
Ich kenne nur aus Film und Fernsehn ein paar Sommelier-Begriffe, bei denen ich aber auch nur erahnen kann, was sie bedeuten. Dennoch gibt es drei, die mich geprägt haben:
Da wäre zuerst der Portugieser Weißherbst. Blassrosa, fast lachsfarben, wie ein dünnes Langarm-Shirt, das jemand im Herbst trägt, obwohl es eigentlich schon zu kühl dafür ist. Kombiniert mit einem dezent gemusterten Rock, unaufdringlich, ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber doch charmant.
Den Namen „Portugieser“ finde ich eigentlich irreführend, weil der Wein nicht aus Portugal kommt, sondern aus Deutschland. Und Weißherbst bezeichnet nicht die Rebsorte, sondern die Art wie die Trauben verarbeitet werden. Er schmeckt leicht und unaufdringlich und kaum einer würde ihn als etwas besonderes wahrnehmen. Aber für mich ist er das.
Ich kenne ihn aus meiner Jugend. Eine unsichere und schale Zeit, in der ich mich vor Gott und der Welt auf eine Weise unsichtbar wähnte. Wenn du mich gefragt hättest, was ich vom Leben erwarte, dann hätte ich zu dieser Zeit wahrscheinlich mit einem Schulterzucken geantwortet.
Es war noch vor unserem Schulabschluss zu einem festen Ritual geworden, dass meine drei besten Freundinnen und ich den Portugieser Weißherbst zusammen tranken. Auch in unserem ersten gemeinsamen Urlaub zu viert in der Sächsischen Schweiz. Ich erinnere mich sehr gut an einen Abend, der alles hätte verändern können – und dadurch alles verändert hat…
Wir waren in einem alten Haus, darin waren alte Zimmer und in den alten Zimmern waren alte hölzerne Doppelstockbetten. Eins davon ging kaputt und hätte mich fast unsanft getroffen, wenn ich nicht ein paar wenige Momente zuvor aufgestanden wäre. Vermutlich klingt das nach Jugendmelodram, aber das darf es auch.
Bis heute denke ich daran: manchmal passieren im Leben doch kleine große Wunder, – und ein einfacher Weißherbst kann sie begleiten. Das Ritual, dass wir ihn gemeinsam trinken, hat es nicht in die Gegenwart geschafft, aber unsere Freundschaft schon. Ebenso wie die Überzeugung, dass ich niemals wieder an „Zufall“ glauben kann.
Vielleicht war der Weißherbst der Anfang – einer der ersten Schritte des Staunens. Irgendwo zwischen all den Jahren und neuen Kapiteln lernte ich noch einen weiteren Wein lieben: den Zinfandel. Der Mann, der in unserer Kirchgemeinde, die Hawaii-Gitarre spielt, hatte ihn mir Jahre zuvor im Discounter empfohlen. Er erzählte, dass er früher einmal beruflich mit Wein zu tun hatte und meinte, dieser Zinfandel würde mir bestimmt schmecken. Danke für den Tipp, Stefan. 😀
Der Zinfandel trägt ein blassrotes Kleid und ist im Vergleich zum Portugieser Weißherbst schon fast ein Statement. Fröhlich, leicht, Irgendwo zwischen kitschig und romantisch, süß und fruchtig. Viele belächeln ihn vielleicht. Aber manchmal erzählt er doch erfrischend ehrlich von Momenten, die für die Ewigkeit sind.
Es war einer der Weine, der an einem der bisher schönsten Tage meines Lebens eingeschenkt wurde. Der Tag, an dem mein Mann und ich Ja zueinander gesagt haben.
Vom Zinfandel blieb nicht nur die Erinnerung an unsere Hochzeit, sondern auch dieser Eindruck, dass Liebe etwas ist, das man nicht festhalten, aber immer wieder geben und selbst empfangen kann.
Deshalb trägt dieses Kleid den Schnitt meines Brautkleids, nur die Farbe ist eine andere. Und anders als beim Portugieser Weißherbst beschreibt der Name Zinfandel direkt die Rebsorte. In dem Fall sind es kroatische Trauben, die mittlerweile aber sehr häufig in Kalifornien angebaut werden. Und um den kalifornischen Lifestyle Ausdruck zu geben, trägt mein Zinfandel hier eine Sonnenbrille.
Und schließlich der Met. Er ist kein Wein im klassischen Sinne… es heißt in dem Fall wohl nicht „Rebe trifft Robe“ sondern „Wabe trifft Robe“.
Es braucht sicher nicht so viel Fantasie, um sich das modische Äquivalent zum Met vorzustellen.
Er trägt Fellweste und ein Trinkhorn um den Hals. Wenn der Weißherbst ein dünnes Herbstshirt war und der Zinfandel ein Hochzeitskleid – dann ist der Met wohl der grobgestrickte Pullover fürs alltägliche Leben.
Ich will weder das Mittelalter romantisieren noch im Weltschmerz einer Zukunftsdystopie versinken. Trotzdem kenne ich dieses Sehnen nach einem „unmittelbareren“ Leben. Greifbar und berührbar. Abseits der virtuellen Daten – Highways und dörfergroßen Speicherblöcken, die nur aus Nullen und Einsen bestehen.
Honig – ein süßer Lohn für echtes durchdachtes jahrhunderte altes Handwerk durch stetiges Mühen des Imkers – und der Bienen. Ein Zusammenspiel vieler Faktoren, bei der weder der Imker, noch die Bienen das Gelingen ganz kontrollieren können.
„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen stehn in des Himmels Hand…“
Der Met erinnert mich daran:
Die Nullen und Einsen sind kontrollierbar, das echte Leben nicht. Vielleicht liegt in dieser „Unberechenbarkeit“ die eigentliche Spannkraft von Begegnung.
Die großen Weine meines Lebens – dieses Trio wirkt wie eine schlecht arrangierte Band, die bei irgendeinem Contest Platz 15 belegt hat. Man kann ihnen leicht unterstellen, dass die zunehmend laut und aufdringlich werden, wenn man sie so unbeaufsichtigt nebeneinander stehen lässt.
Aus der Perspektive meiner einprägsamsten Lebenserfahrungen stehen sie für die Freude an kleinen Dingen, das Staunen über das Unvorhersehbare, das Feiern von Momenten. Weniger aus Genusssucht, mehr aus bewusstem Wahrnehmen von Schönheit im Echten. Vielleicht ist das der rote Faden zwischen all meinen Weinen – sie schmecken für mich nach Staunen und Dankbarkeit.
Das sind also die großen Weine meines Lebens. Welche sind deine? Zum Wohl!

Hinterlasse einen Kommentar