Ablassen

Eine Kostprobe aus: Auf dem Weg der Freude. Ein Adventskalender mit den Figuren der Bergmännischen Krippe in der Bergkirche St. Marien, Benno-Verlag 2025, S. 62-65 = Tag 14

 

Bergmännische Krippe: Der Waldmann

Mancher begibt sich in den Wald, um Ruhe zu finden. Mancher möchte sich am Grün der Natur erfreuen. Mancher sucht vielleicht auch Ablass.

Als die Stadt Annaberg vor mehr als 500 Jahren entstand, war das Ablasswesen durchaus populär. Nicht bei allen natürlich. Aber vielen galt er doch als ziemlich erstrebenswert. Unerlässlich schien es geradezu, beim Weltenrichter einen guten Eindruck zu hinterlassen, auf dass er ablassen möge von Strafen aller Art.

Und so war es nicht nur dem bärtigen Herzog oder den Stadtoberen seiner aufstrebenden Lieblingsstadt durchaus recht, dass Papst Leo X. im Jahre 1517 erlaubte, heilige Erde aus Rom nach dem gerade neu begründeten Friedhof in Annaberg zu transferieren.

Aufgrund der heiligen Erde ergab sich nicht nur die Möglichkeit eines frommen Begräbnisses, sondern der Papst gewährte all denen, die diesen solcherart geheiligten Ort aufsuchten – und nach Möglichkeit eine großzügige Spende hinterließen – vollen Erlass und volle Vergebung aller aus reuigem Herzen bekannter Sünden. Und so strömte recht bald ein gleichsam unablässiger Pilgerstrom nach St. Annaberg, welcher im Schlepptau auch das Verlangen nach Jahrmärkten und Volksfesten mit sich führte. Denn an Begräbnisse wollte man natürlich längst noch nicht – oder nur am Rande – denken. Und so entstand die KÄT als großes Volksfest, seit 1520 an Trinitatis abgehalten, ab 1923 für kurze Zeit eine Woche früher auf Pfingsten gelegt und seit etwa 90 Jahren zum heutigen Termin beginnend, am Wochenende nach Trinitatis.

Nun verstarb, wie man es in alten Chroniken findet, das Ablasswesen selbst recht bald eines natürlichen Todes. Und heute begehrt kaum noch jemand Ablass. Aber stimmt das wirklich? Neulich war ich in einem so genannten Spa-Tempel mit Sauna, Dampfbad und diversen anderen Feelgood-Angeboten. Als der Aufguss nahte, setzte sich ein Pilgerzug in Bewegung und man konnte meinen, tatsächlich würde hier ein Ablass an Pfunden, unerwünschtem Stress oder mangelnder Work-Life-Balance gewährt. Die Schuldgefühle angesichts allzu üppiger Törtchen oder überdehnter Schreibtischzeiten sollten sich zischend in Dampf auflösen und anschließend wohliger Entspannung weichen.

Einmal begann der Aufguss mit zehnminütiger Verspätung, und manche hätten offenbar liebend gern schon mal etwas Dampf vor Beginn des Rituals abgelassen. Aber solches geht natürlich noch viel besser an den Verkehrsknotenpunkten unserer vitalen Mobilität. Und auch in den sozialen Medien wie Instagram oder Facebook besteht reichlich Gelegenheit etwas loszuwerden. Manchen Zeitgenossen bringt der Zorn nicht nur in Wallung, sondern wird zur Triebfeder einer kleinen, feinen „Wallfahrt“. Paradoxerweise soll es gar eine Autobahnabfahrt namens Ablass geben.

Klimasünder, Wutbürger, Fitnessmuffel oder einfach Unentspannte. Haben wirklich alle vom Ablasswesen Abstand genommen? Und werden nicht auch heute mancherlei Lossagungszertifikate zu stolzen Preisen feilgeboten? Das Ablasswesen lebt offenbar in veränderter Form fort.

Do draußen in Wald
of luftiger Höh
werd de Brust wieder frei,
tut es Herz nimmer weh.
Dos is ene Pracht
e su ganz allaa
in Gebirgswald ze stieh,
on wie weit ka mer saah!
Ja, an schönnsten is halt
do draußen in Wald!

Anton Günther: In Wald (Auszug)

Das Buch gibt es für 14,95 Euro in jedem Buchladen. Meine persönlichen Vorräte sind leider schon aufgebraucht.

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