Ein Beitrag im Rahmen meiner aktuellen #themenwoche_neuigkeiten

„Wer neue Moden bringt durchs Land, der gibt viel Ärgernis und Schand. Und hält den Narren bei der Hand.“ Diese Worte schrieb Sebastian Brant in seinem „Narrenschiff“ vor reichlich 500 Jahren allen früheren, künftigen und gegenwärtigen Modenarren ins Stammbuch. Ja, das Neue hatte und hat nicht immer einen guten Leumund. Und das gilt wohl nicht nur in Sachen Mode. Unser guter Weinstock in Annaberg nahm es uns in diesem Jahr offenbar übel, dass wir ihn im Frühjahr kurzerhand an einen neuen Standort versetzten. Wir wollten ihm damit mehr Sonne bieten, also eigentlich etwas Gutes tun. Er aber verweigerte daraufhin über das Jahr jegliche Frucht. Blätter trug er reichlich, aber keine einzige Beere.
Andererseits erwies sich die Neugier in Vergangenheit und Gegenwart gewiss auch als Triebfeder menschlichen Fortschritts. Manche Entdeckungen wären ohne sie unterblieben. Manch neuer Look wartete bis heute auf seinen Designer. Freilich wäre auch mancher Klatsch und Tratsch unterblieben, sodass nicht alle die Neugier vermissen würden, sollte sie einmal verreisen.
In einer Stilkolumne, die ich heute zufällig las, fand ich die Ansicht ausgebreitet, dass altbekannte Trends mit einer gewissen Regelmäßigkeit nach einem Zeitraum von etwa 20 Jahren wiederkehren und die Nachgeborenen sie dann fälschlicherweise als Neuigkeiten betrachten würden.
Und so stellt sich schon die Frage, ob es denn unter der Sonne überhaupt etwas Neues gäbe. Und vor allem: warum wir das Neue immer ein bisschen interessanter finden als das Althergebrachte, obgleich es bei Lichte besehen gar nicht so richtig neu ist.
Als der Apostel Paulus auf seinen Reisen einmal Athen besuchte, fiel ihm schnell auf, dass praktisch alle Athener wie auch die Touristen nichts lieber taten, als Neuigkeiten zu erfahren und mit anderen darüber zu sprechen. Für ihn schien das nicht unpraktisch, denn so konnte er mit seiner Botschaft anknüpfen: Heute berichte ich euch einmal etwas, das wirklich neu ist und nicht einfach der Gerüchteküche entstammt. Überzeugt hat das allerdings nicht alle, die neue Lehre fand nicht sofort Unmengen von Followern.
Aber weil das Neue in der Regel schon ein bisschen attraktiv ist, empfehlen uns die Social-Media-Aktivisten, möglichst mehrmals täglich neue Beiträge oder Stories zu veröffentlichen (vermutlich ganz unabhängig davon, ob man tatsächlich jeden Tag so viel Neues erlebt oder erleben möchte).
Andererseits, es gibt natürlich vielfältige Gründe, alte Gemäuer abzureißen und dafür neue entstehen zu lassen. Dazu sah ich jüngst einen interessanten Bericht über den Berggasthof Eckbauer in Garmisch-Partenkirchen, der auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblicken darf und von der gegenwärtigen Inhaberin in vierter Generation weitergeführt wird. Als sie ihn vor drei Jahren vollständig abreißen und neu aufbauen ließ, hagelte es zunächst Kritik. Wie kann ein solcher Hort der Tradition einfach so dem Erdboden gleichgemacht werden? Das Neue könne doch niemals ein gleichwertiger Ersatz werden. Aber doch: die Bausubstanz war leider nicht mehr zu retten. Und jetzt, wo der Neubau steht, finden ihn fast alle superschön, wie man hört.
Manchmal ist man tatsächlich hin- und hergerissen zwischen Sanierung oder „Rückbau“, wie das Abreißen – in freundlicher Umschreibung! – gelegentlich auch genannt wird.
Tja, Ihr Lieben, wie ihr wisst habe ich meine Berufung schon vor längerer Zeit darin gefunden, am Auf-, Um-, Aus- oder Rückbau der evangelisch-lutherischen Kirche in Sachsen mitzuwirken. Momentan bin ich etwas skeptisch, ob der derzeit angekündigte und vielfach diskutierte Wandel tatsächlich ratsam ist und sich als zukunftsträchtiger Umbau erweisen wird. Manche hängen lieber dem Retro-Look an oder stehen auf Vintage-Modelle von Kirche. Sicher ist die Substanz in eine kritische Phase gekommen, sodass Änderungen unumgänglich sind.
Offensichtlich bin ich im Blick auf Neuigkeiten derzeit etwas unentschlossen, obgleich ich mich immer für einen Vagabunden und Erkundungsreisenden hielt. Es wird schon etwas dran sein, dass manche mich gar als „Modepfarrer“ titulieren.
Wie ist es also mit dem Neuen? Ist es gut, weil es neu ist, oder mindestens als neu erscheint? Oder ist der neueste Schrei im Grunde ebenso vergänglich wie es der letzte Schrei von gestern war? Oder ist das Bewährte grundsätzlich vorzuziehen?
Spannend wäre es, ich könnte einmal eine Friseuse, einen Pfarrer, eine Schneiderin sowie einen Journalisten und eine Denkmalschützerin dazu befragen, was sie lieber täten, Neues schaffen oder Vorhandenes erhalten. Und mit dem Winzer könnte ich natürlich auch über die Balance von Jungweinen und älteren Semestern sprechen.
Gespannt bin ich auch, wie die Theologinnen und Theologen das „Mottowort“ des Jahres 2026 in den christlichen Kirchen auslegen werden: „Siehe, ich mache alles neu.“

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