Wenn es Raachermannel nabelt

Predigt zum 1. Advent, St. Annen-Kirche Annaberg 30.11.2025

„S hot zwaa stackendürre Baa un en huhlen Leib
Zieht bedachtig an dr Pfeif zu sen Zeitvertreib
Hot e fei schies Gackel a, of’n Kup en Hut
Ober Maul un Nos sei schwarz, weil’s viel dampen tut
Wenn es Raachermannel nabelt un es sat kaa Wort drzu
Un dr Raach steigt an dr Deck nauf
Sei mr allezamm su fruh
Un schie ruhig is in Stübel, steigt dr Himmelsfrieden ro
Doch im Harzen lacht’s un jubelt’s
Ja, de Weihnachtszeit is do.“

Viele kennen das Lied. Vermutlich aber die erste Strophe noch etwas besser:

Gahr vor Gahr gieht’s zun Advent of’n Buden nauf
Werd e Mannel aufgeweckt: Komm, nu stehste auf
Is es unten in dr Stub, rührt sich’s net vom Flack
Stieht wu’s stieht, doch bal gieht’s lus, ’s blest de Schwoden wag.

Ihr Lieben, ich will euch heute zum ersten Advent aufwecken mit vier Infos über die Mannel. Zunächst aber müssen wir eines feststellen: In der Bibel kommen sie noch nicht vor.

Das Internet, von dem manche schon gehört haben, verrät uns, dass etwa 1750 erstmalig in Crottendorf Räucherkerzen hergestellt wurden. Den Neudorfern gefällt diese Info allerdings nicht. Etwa 1830 wurde der Räuchermann erstmals erwähnt. Etwa 1850 entstanden in Seiffen die ersten gedrechselten Modelle. Und Erich Lang schrieb 1937 sein Rachermannl-Lied (siehe oben).

Der Apostel Paulus kannte keine Raachermannel. Aber doch schrieb er vor fast 2000 Jahren etwas auf, dass auch für den Räuchermann passt.

„Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.“ (Paulus an die Gemeinde in Rom, Kap. 13, Verse 8-10 (Auszug)

Die erste Info über den Räuchermann ist die folgende: Das wichtigste für ihn ist das Feuer, das in ihm brennt. Er kann andere nur dann froh machen, wenn in ihm das Feuer der Liebe brennt.

Tja, die Liebe und der Advent. Am Freitag, so gegen 17 Uhr war ich auf dem Annaberger Weihnachtsmarkt. Ungünstige Zeit, denn gefühlt waren noch etwa 5000 andere auf die gleiche Idee gekommen. Ich beobachtete eine Frau, die entgegen der Strömung ihren Weg nehmen wollte, aber sie kam einfach nicht vom Fleck. Sie wirkte etwas verärgert, weil niemand sie offenbar durchlassen wollte. Aber ich will nicht unfair sein: die meisten wirkten freundlich und fröhlich. Aber es ist schon ein bisschen so: der Advent macht Stress, die Nerven liegen gelegentlich blank. Und auch im Stübl ist nicht immer schie ruhig.

Darum ist es sicher gut, wenn wir die zweite Info über den Räuchermann hören: es gibt vermutlich keinen einzigen, der sich selbst entzünden kann. Das Feuer, das der Räuchermann braucht, kann er sich nicht selbst geben. Er kann noch so eine schöne Pfeife haben, die wohligen Dampfschwaden steigen nur auf, wenn ihn jemand entzündet hat. Paulus hat sich auch gefragt: natürlich kann ich den Römer schreiben, sie sollen einander mit Liebe begegnen. Aber machen kann man diese Liebe ja nicht, es fällt mir ja auch selbst manchmal schwer, dann geht der Eifer mit der durch. Der Zorn gewinnt Raum. Aber da fiel Paulus etwas ein, dass er erst vor kurzen in anderem Zusammenhang geschrieben hatte. An die Gemeinden in Galatien: Die Liebe ist eine Frucht des Heiligen Geistes. Mit anderen Worten: Gott ist es, der mein Herz entzünden kann und will. Das fiel Paulus also wieder ein und er dachte: Ja, genau in diesem Sinne kann ich es den Römern schreiben. Das Einzige, was ihr einander schuldig seid, ist ein liebevoller Umgang miteinander. Aber das geht nur, wenn ihr euch von Christus mit seinem Geist entflammen lasst.

Das beliebteste Adventsgebet ist vermutlich: Herr, gib mir Geduld, aber bitte umgehend. Wir könnten das Gebet mal in diesem Jahr umstellen: Herr, gib mir von deiner Liebe etwas ab. Entzünde mich damit, und so kann ich anderen Freude bereiten.

Die dritte Info über den Räuchermann ist diese: am besten brennt er von unten nach oben ab. Davon bin ich persönlich jedenfalls überzeugt. Wenn man das Karzl mit der Spitze nach oben aufstellt und sozusagen am Kopf anzündet, kann es auch schnell wieder ausgehen. Nicht wenige haben daher Räuchermännel oder -ofen, in denen die Karzl verkehrtherum stehen. Auch eine interessante Erkenntnis: die Liebe ist keine Kopfsache, sie brennt am besten ganz von unten her. Vielleicht ist sie gerade auch durch schwere Erfahrungen und leidvolle Stunden in mir entzündet worden. Auf jeden Fall ist sie eine Art Fundament. In ihr sind alle Forderungen erfüllt sagt Paulus.

Und darum ist vielleicht nun auch die vierte Info hilfreich: wenn der Räuchermann versehentlich schon am Montag nach Ewigkeitssonntag angezündet wurde und der Schwibbbogen schon am Dienstag leuchtete und am Mittwoch man schon etwas Stollen genascht hat, weil man es nicht länger aushielt, dann ist das nicht so schlimm.

Die Ordnung ist gut, aber noch wichtiger ist die Liebe. Der Räuchermann nimmt es dir nicht übel, wenn du ihn mal „aus Versehen“ zur verkehrten Zeit angezündet hast. Macht also bitte aus den Terminfragen keine Glaubenskämpfe.

Also: Auch wenn der Räuchermann nicht biblisch ist, was ja unsere erste Erkenntnis heute war, hat er vier Botschaften heute für uns: er braucht ein Feuer in sich, er kann sich nicht selbst entzünden, er brennt am besten von unten nach oben und er eignet sich nicht als Zankapfel in der Fragen der Annaberger Weihnachtsordnung.

Das heißt, er eignet sich schon, aber wird nicht gut gebraucht, wenn man in seinem Namen Glaubenskämpfe führt. Durch die Liebe wird das ganze Gesetz erfüllt.

Eine gesegnete und vor allem liebevolle Adventszeit.

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