Eine kleine Philosophie der Weinattribute

Immer wieder staune ich über fantasievolle und grazile Weinbeschreibungen. Vor allem die Adjektive haben es mir angetan: körperreich, elegant, fruchtbetont, harmonisch, frisch, vital und blumig, kräftig und mineralisch. Man hat den Eindruck: ein Wein kann praktisch alles sein, außer langweilig.
Mich brachte das auf den Gedanken, man könne einmal eine gut sortierte Weinkarte
heranziehen, ihr die Adjektive entnehmen und damit die Gewänder beschreiben, in denen wir Tag für Tag umherlaufen. Was würde geschehen, wenn man also auf diese Weise eine Weinkarte und einen Kleiderschrank kreuzt? Manchmal liest man ja auch in den einschlägigen
Kommentaren, dass dieser oder jener Wein ein schönes Kleid trage.
Nun, ich habe es also probiert und die schicken Eigenschaftswörter der großen Gewächse herangezogen, um mit ihrer Hilfe die kleidsamen Gewerke aus Stoff und Tüll zu beschreiben.
Dein Jumpsuit ist angenehm pfeffrig und etwas mit Ingwer gepaart. Die Bluse entfaltet ein zartes Duftspiel mit Nuancen von Kirsche und Waldbeeren. Der Mantel ist gleichsam im Holzfass gereift, elegant mit Noten von Quitte und Johannisbeeren. Strukturreich sind deine Schuhe. Sie
offerieren weich-würzige Noten. Körperreich ist dein Hemd, aufreizend im Abgang. Die Fliege entfaltet ein opulentes Bukett, voll kräftiger Frucht. Mineralisch ist deine Lederjacke, voll Frische und Vitalität.
Ihr könnt es gern auch einmal umgekehrt probieren und die Eigenschaftswörter der jüngsten Modekollektion eurer Wahl auf ein Weinregal übertragen. Ihr werdet einen eng anliegenden Burgunder finden, einen temperamentvollen Chardonay, einen schicken Riesling oder einen
lässigen Veltliner. Der trendy Ebling trifft den sportlichen Traminer. Und wem der Champagner zu stylish ist, der greife zum schicklichen Rotkäppchen, natürlich trocken.
Der Wein und die Mode gleichen zwei eleganten Geschwistern, entsprungen aus einer Liaison der Kreativität mit dem Genuss. Manche Neigung verbindet sie daher miteinander, vor allem eine
ausgeprägte Vorliebe für blumige Metaphern und geheimnisumwobene Bilder. Sie umgeben sich gern mit Formulierungen, die nichts und alles zugleich sagen und dementsprechend zwar keine Fragen, aber alles weitere sonst offen lassen. Gern spielen sie sich die Bälle zu und tauschen hier und da auch einmal die Rollen.
Ein Wein, der mir den Eindruck erweckt, er wäre unmittelbar in den Ateliers von Paris gekeltert worden, wirkt zweifellos interessanter. Und das Gewand, welches mit einer schwer zu durchdringenden Aura von Steinsalz, Schiefer und Kreide umgeben ist, könnte vielversprechender nicht sein.
Am Ende aber ist es nicht mehr als Kopfkino. Das Schöne dabei ist freilich, das der gleiche Film mir jeden Tag ein neues Gesicht zeigt. So wie ich in ihn hineinschaue, so antwortet er mir. Um
einen Wein oder ein Gewand zu beschreiben, braucht es daher nicht nur einen Moment, sondern ein ganzes Leben. Heute rauchig, morgen fruchtig und übermorgen mit einem Hauch von Petroleum im Abgang.
Einmal tranken wir in Südtirol einen Roséwein namens „Morgenröte“. Meine Liebste war sich sicher: ein Hauch von Pfirsich, Birne und saurem Apfel. Ich hingegen konterte: Quatsch, Brombeere und Himbeere. Ich muss freilich gestehen, dass ich heimlich auf der Website des
Weinguts nachgeschaut hatte. Aber was sagt das schon? Und so hatten wir eine schöne kleine Meinungsverschiedenheit, bei der jeder am Ende Recht hatte. Einig waren wir uns jedenfalls darin, dass
der Wein recht gut schmeckte.

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