
Der Sinn von Büchern besteht nach meiner Meinung weniger in ihrem Wissensgehalt
oder ihrem Unterhaltungswert. Ich glaube, Bücher wollen verzehrt werden. Man kann sie nicht essen, sehr wohl aber verschlingen.
Wenn ich die Geschichten, Gedichte oder
Kriminalfälle ganz in mich aufgesogen habe, bin ich voll und ganz von ihnen erfüllt. Was kann den Worten Besseres passieren, als dass sie gleichsam mit Haut und Haaren verschlungen werden.
Ich zum Beispiel bin ein großer Freund von Kriminalromanen. Wenn ich einen neuen Krimi begonnen habe, kann ich schwer wieder mit Lesen aufhören. Und wenn der Ermittler auch noch kochen kann, wie Bruno, der Chef de police aus Südfrankreich, oder wenn er im Nebenberuf zugleich Historiker und Philosoph ist, wie Brunetti aus Venedig,
oder sagen wir ein Lebenskünstler und Gentleman wie Allmen aus der Zürich, um so besser. Ein Buch, das mich fesselt, will ich verschlingen.
Erstaunlicherweise gab es im Februar unter der Reihe der biblischen Predigttexte im evangelischen Gottesdienst auch eine Geschichte von einem verschlungenen Buch. Hesekiel, einer der Propheten aus dem Alten Testament, berichtet von einer Vision, seinem Berufungserlebnis. Er vernimmt eine geheimnisvolle himmlische Stimme, die ihn unter anderem auffordert, eine Schriftrolle zu verschlingen, die außen und innen beschrieben war. Und ihr Inhalt wird mit folgenden Worten benannt: „darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“
Freilich handelte es sich nicht um einen klassischen Kriminalroman, was man ja auf den ersten Blick vermuten könnte. Vielmehr geht es um die Botschaft, die der Prophet seinen Zeitgenossen verkündigen soll. Zur Umkehr soll er sie rufen, sie auf ihre Fehler aufmerksam machen. Der Prophet berichtet, wie er die Schriftrolle tatsächlich verschlang und wie sie ihm – vermutlich wider Erwarten – süß wie Honig schmeckte.
Nun, ich gebe zu, diese Geschichte wirkt auch auf mich etwas schräg. Aber andererseits beeindruckt mich die sprachliche Kraft dieses Bildes. Der Prophet verkündet Worte, die er sich im wahrsten Sinne des Wortes zu eigen gemacht hat. Wie kann man etwas näher
an sich heranlassen, als es ganz und gar in sich aufzunehmen? Sehnen wir uns nicht
auch heute manchmal nach Menschen, die gerade dadurch überzeugend und
glaubwürdig reden, dass sie ihre Botschaft so tief in sich tragen, wie es nur geht? Dass
sie mit der Sache, die sie zu sagen haben, ganz und gar verschmelzen?
Hier spricht einer, der nicht nüchtern und distanziert referiert, sondern der mit einer
Leidenschaft für seine Sache erfüllt ist. Ein Visionär. Mich beeindruckt ferner, welche
Kraft den geschriebenen Worten zugetraut wird. Papier ist geduldig, sagen wir gern. Hier ist das Gegenteil der Fall. Das Papier wird zur Speise des Bewegers, der durch seine Worte Menschen wachrüttelt, motiviert und vielleicht auch zur Umkehr bewegt.
Worte haben zuweilen eine ungeahnte Kraft, auch die geschriebenen. Ich gehöre darum gern zu einer der so genannten Buchreligionen. Ich freue mich gerade auch an den Worten der Bibel und verschlinge sie auch gelegentlich, weil sie ganz viel mit mir zu tun haben.
Und ich staune nicht selten darüber, wie ältere Menschen, die schon sehr vieles
vergessen haben, dieses alte Gebet aus der Bibel wie selbstverständlich mitsprechen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Es wirkt, als hätten sie den alten Ruf irgendwo in sich gespeichert, ohne sich je daran verschluckt zu haben. Honig für die Seele.

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