Bruno Schneider und das Bedürfnis nach Schmuck

Kolumne für den Stadtanzeiger Annaberg-Buchholz, in Zusammenarbeit mit Bettina Levin

Die Ostertage sind eine Blütezeit des Dekorierens. Nicht nur in der Natur, die mangels farbenprächtiger Blumen gelegentlich auch „geputzte Menschen dafür“ nimmt, wie Goethe in seinem Osterspaziergang feststellte. Nein, geradezu überall wird geschmückt und
aufgehübscht. Und das hat die Welt nach dem langen Winter auch bitter nötig.

Wer nach Beispielen sucht, wird garantiert fündig, wenn er oder sie den kunstvoll geschmückten Annaberger Osterbrunnen auf dem Marktplatz bestaunt. Zu meinen persönlichen Lieblingsdekorationen der Ostertage zählen kunstvolle Eier, die mit Liedern verziert sind.Gesungener Schmuck gewissermaßen.

Design und Ausführung: Almut Nitzsche

Heute will ich in meiner kleinen Reihe von Buchholzer Geschichten anlässlich des 525jährigen Jubiläums der Stadtgründung an einen Buchholzer Unternehmer erinnern, der sich auf eine ganz eigene Weise des menschlichen Schmuckbedürfnisses annahm. Dazu inspirierte mich ein wunderbarer und überaus gehaltvoller Vortrag von Dr. Bettina Levin, den ich jüngst im Turmmuseum zu Geyer miterleben durfte.

Es ging um Perltaschen und andere
Schmuckerzeugnisse aus erzgebirgischen Fabriken und Werkstätten. Dankenswerterweise konnte ich sie als Unterstützerin und Mitautorin dieser Kolumne gewinnen.

Es war im Jahre 1867, da in Buchholz die erste und älteste Perltaschenfabrik des Erzgebirges begründet wurde. Und das ist vermutlich noch untertrieben, es war möglicherweise die erste und älteste Perltaschenfabrik der Welt. Denn Bruno Schneider, ein ursprünglich aus Chemnitz
stammender Buchholzer Unternehmer, erfand in jenem Jahr ein gänzlich neues Verfahren, um Perlen für verschiedene Schmuckerzeugnisse, insbesondere Taschen, zu verarbeiten: die Perlweberei. Die Perlen kamen aus Venedig oder dem böhmischen Gablonz / Jablonec nad Nisou.

Wenn ich es richtig verstehe, wurde erst mit dieser Erfindung eine gleichsam industrielle Herstellung solcher Schmuckerzeugnisse möglich. Es gab sie zwar durchaus schon länger, und zwar in Form der Perlstickereierzeugnisse, aber bislang war die Herstellung deutlich aufwändiger und mühevoller.

Und natürlich war mit Schneiders Erfindung auch noch nicht das letzte Wort in derlei Schmückereien gesprochen, denn um 1900 herum trat dann der lochkartengesteuerte Jacquard-Webstuhl im Erzgebirge seinen Siegeszug an.

Aber doch war Schneiders Erfindung durchaus bahnbrechend. Seine Fabrik befand sich in Buchholz auf der Talstraße 29 (heute: Am Haltepunkt 1). Hier wurden neben den Perltaschen auch Bürstenrücken, Zigarrentaschen, Wandbilder und vieles mehr hergestellt. Schneider, und mit der Zeit auch weitere Buchholzer Unternehmer, exportierten in die USA und weitere Länder. Einer von ihnen hatte sogar eine Vertretung am Broadway in New York.

Man kann dies als einen speziellen Zweig der typisch erzgebirgischen Posamentenherstellung betrachten. Und es ist doch tatsächlich ein schöner Gedanke, dass findige Unternehmerinnen und Unternehmer aus Annaberg und Buchholz ihren ganz persönlichen Beitrag zur Ausschmückung der Welt geleistet haben.

Dabei darf freilich nicht verschwiegen werden, dass auch Orte wie Schlettau, Scheibenberg, Geyer, Schmiedeberg/ Kovářská oder Weipert/Vejprty wichtige Zentren der Perlenverarbeitung waren.

Es scheint, als gehöre das Bedürfnis sich zu schmücken nicht nur in den Ostertagen zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz. Zwar kann es hier und da auch manch unwillkommene Übertreibung geben, aber dennoch drückt der Schmuck aus theologischer Sicht etwas Positives aus, nämlich Dankbarkeit und Lebensfreude.

Wer sich schmückt, drückt damit ein positives Verhältnis zu sich selbst aus. Ich glaube, sie oder er tut das nicht in erster
Linie für andere. Der Schmuck hat wohl eher die Botschaft: ich freue mich, dass ich da bin.

Natürlich will man gelegentlich auch ein bisschen auffallen, etwas Besonderes ausstrahlen. Aber das ist allemal besser, als Kriege zu führen. Vielleicht schenkt dem Donald oder Wladimir einfach mal jemand einen schicken Ring, den er mit Stolz tragen kann. Jeder will mal Erfolg
haben.

Ich aber will mich vor allem des Lebens freuen, das Gott mir geschenkt hat und diese Freude auch ein wenig zeigen. In diesem Sinn: Frohe österliche Tage und ein großes Dankeschön an Bettina Levin für die Mitwirkung an diesem Beitrag.

Am Annaberger Osterbrunnen im vergangenen Jahr

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