Es gibt Dinge im Leben, die man nicht unbedingt getan haben muss, von denen man aber doch mit Stolz sagen möchte, sie getan zu haben.
Dazu zählt zweifellos ein Besuch in der Londoner Savile Row, gehört es doch zu den ungeschriebenen Gesetzen der Herrenmode, dass man einmal im Leben dort gewesen sein und das Wort bespoke zumindest gedacht haben sollte. Nicht zu den Regeln gehört es, dort auch etwas gekauft zu haben. Bespoke steht für „maßgeschneidert“. Der Begriff wurde in der Savile Row erfunden, wo auch sonst. Denn sie gilt als die Goldene Meile des Schneiderns (so jedenfalls Wikipedia), der „Gentleman“ nennt sie das „Mekka des Maßanzugs“.
Letztes Jahr hatte ich die Freude, für ein paar Tage in London zu sein. Und natürlich gehörte die Savile Row zum Programm. Das Paradies der Herrenschneider hätte man sich vielleicht anders vorgestellt. Aber z. B. „Huntsman“, seit genau 100 Jahren in der Savile Row ansässig, hat schon was.
Solltest Du in diese „heiligen Hallen“ eintreten, was ich nicht getan habe, triffst Du auf den „Cutter“. Der „Cutter“ ist der Architekt Deines Anzugs, er nimmt die Maße und entwirft den Schnitt. Der „Tailor“ ist der Schneider, der dann die Arbeit ausführt. Wichtig ist, dass der „Cutter“ Dich auch näher kennenlernt, denn er muss Deinen Stil erahnen. Darum plauderst Du etwas mit ihm. Das Ganze dauert vom Maßnehmen bis zur Fertigstellung in der Regel mehrere Wochen und kostet Dich etwa 4000 englische Pfund.
Da das nicht meine Preisklasse ist, habe ich mich auf das Betrachten und Philosophieren verlegt. Ich finde, das Schneidern ist eine Kunst, die höchste Achtung verdient. Ich schaue mir gerne Bilder von Menschen an, die mit Stoff arbeiten. Vielleicht auch deswegen, weil meine Mutter Ausnäherin war und die gewebten Stoffe bei uns zu Hause „korrigiert“ hat. Die großen Stoffballen waren auf einem Tisch ausgebreitet und ich hatte darunter meine Höhle. Mich beeindruckt es, wenn schöne Dinge handgemacht sind. Wer Anzüge entwirft, muss zweifellos ein Menschenkenner sein und sich in die Kunden hineindenken können. Wo erlebt man das, wenn man shoppen geht?
Da ein bisschen Fachsimpeln auch zum guten Stil gehört, will ich natürlich auch den Unterschied zwischen Maßanfertigung (bespoke tailoring) und Maßkonfektion (made to measure) benennen, wie ich ihn bei Bernard Roetzel, einem der Style-Gurus gefunden habe. Die Maßanfertigung ist in jeder Hinsicht individuell. Am Individuum orientierte, von einem Individuum durchgeführte und für ein Individuum angefertigte Schneiderkunst. Maßkonfektion ist hingegen die Anpassung eines Standardschnitts an die Persönlichkeit des Kunden.
Im Übrigen wurde die Savile Row in den 1730er Jahren erbaut und nach der Gattin des 3. Earl von Burlington benannt: Dorothy Savile.
Was ich bei meinem Besuch noch nicht wusste, war folgendes: in der Savile Row Nr. 7 lebte (im Roman) ein gewisser Phileas Fogg, den die Fans von Jules Verne zweifellos kennen. Ferner residierte in der Nr. 3 in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts „Apple Corps“, die Firma der Beatles. Auf dem Dach des Hauses fand 1969 das letzte Konzert der Band statt. Wenn ich das gewusst hätte, wäre meine Aufmerksamkeit natürlich noch größer gewesen.


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