Können Kleider glücklich machen?

Auszug aus: Der begehbare Kleiderschrank 

Richten wir unseren Blick zunächst auf den Gegensatz. Kleider können unglücklich machen. So erscheint es jedenfalls in der Geschichte von Josef und seinen Brüdern, die in der Bibel im 1. Buch Mose erzählt wird.

Sein schicker bunter Rock, den ihm sein Vater gemacht hatte, löste Neid bei den Brüdern aus. Und so verkauften sie ihn kurzerhand in die Sklaverei nach Ägypten. Dort machte er schnell „Karriere“, stieg auf zum Verwalter Potifars, eines hohen Beamten am Hofe des Pharao. Alsbald hatte er aber neue Probleme aufgrund seines guten Aussehens. Die Frau seines „Chefs“ hatte ein Auge auf ihn geworfen. Als er ihren Avancen nicht Folge leistete, beschuldigte sie ihn flugs der sexuellen Übergriffigkeit und er landete hinter Gittern.

Später stieg er aufs Neue auf und wurde zur rechten Hand des Pharao: „Siehe, ich habe dich über ganz Ägyptenland gesetzt.“ Der Pharao gab Josef seinen Siegelring, kleidete ihn in kostbares Leinen und legte ihm eine goldene Kette um seinen Hals. Doch der Konflikt mit seinen Brüdern lastete weiter auf ihm. Wirklich glücklich war er wohl nicht.

Genau das haben wir ja schon immer gesagt. Selbiges zu betonen liessen die Moralapostel christlicher, gelegentlich auch nicht christlicher Couleur, über Jahrhunderte hin keine Gelegenheit aus. Die üppigen Gewänder stürzen dich ins Verderben, verleiten dich zur Hoffart und ruinieren überdies deinen Geldbeutel. Im März 1648 sah sich daher zum Beispiel der Rat der Stadt Hamburg veranlasst, eine Kleiderordnung zu erlassen. Darin hieß es unter anderem, dass „tägliche Erfahrung und Augenschein leider bezeuget / in welchem Maße in dieser guten Stadt die Hoffart und Üppigkeit / insbesondere in Kleidungen / fast bei jedermann über Standes Gebühr / dermassen gewachsen und überhand genommen / daß sowohl GOttes Zorn über diese Stadt dadurch erwecket / als auch mancher in seinem privaten Bürgerlichen Stande / in mercklichen Abgang / wo nicht gäntzlichen Ruin seiner Nahrung und zeitlichen Wolfart gebracht wird.“ Um die Bürger und, zweifellos noch wichtiger, die öffentliche Ordnung zu schützen, wurden zum Beispiel goldene oder silberne Knöpfe verboten sowie „übermäßige und unförmliche Perlen Schnüre / wie auch die Ohren-Gehänge von Perlen / gäntzlich“ untersagt.

Wie erfolgreich solche Verfügungen waren, sei dahingestellt. Sinnvoll waren sie ohnehin nicht.

Der Grundsatz galt freilich lange als gesetzt: üppige Kleiderpracht spiele einzig und allein dem Teufel in die Hände. So erfahren wir zum Beispiel in dem Volksbuch „Der Ritter von Turn“ (entstanden etwa 1370) das folgende. Nach dem Tod der Frau des Ritters sei der Erzengel Michael gekommen, die Seele der Verstorbenen zu holen. Alsbald erschien aber der Teufel und legte ihren umfangreichen Kleiderbesitz auf die Waage. Damit habe er unzweifelhaft den Sieg errungen. Unterstrichen wird das durch folgendes Exempel: Allein der Wert zweier ihrer Röcke hätten genügt, um 100 arme Menschen im Winter vor dem Erfrieren zu schützen. Auch die zweite und später die dritte Frau des Ritters fielen übrigens demselben Laster anheim. (Nach G. Wolter, Teufelshörner und Lustäpfel S. 24-25)

Freilich ist das nur die eine Seite der Medaille. Denn auch unter den biblischen Autoren wissen manche um die sinnlichen Freuden, etwa wenn es im Hohelied Salomos heißt: „Du bist schön, ganz wunderschön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir. … Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen, mit einer einzigen Kette an deinem Hals. … Der Geruch deiner Salben übertrifft alle Gewürze. Von deinen Lippen, meine Braut, träufelt Honigseim. Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon.“ (Kap. 4, Verse 7-11 in Auswahl)

Und in der Schilderung des Evangelisten Lukas von der Heimkehr des verlorenen Sohnes (Lukasevangelium Kap. 15) hören wir den glücklichen Vater sagen: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße.“ In den Worten des Propheten Jesaja können die Kleider gar als Symbol des Heils dienen: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“ (Jesaja 61)

Wenn also die Kleider schon nicht glücklich machen (was mir noch nicht gänzlich erwiesen scheint), so können sie immerhin Glück ausdrücken. Gewiss, die Gewänder stellen mein Leben nicht sicher, auch bieten sie Verlockungen diverser Natur und haben wohl schon manchen Geldbeutel über Gebühr belastet. Darin teilen sie ihr Schicksal mit der Kunst, die eigentlich immer zu teuer und häufig ohne praktischen Nutzwert ist. Und doch kann sie ob ihrer Schönheit verzaubern. Und so sage ich mir im Blick auf meine persönlichen, vielleicht hier und da auch zu teuren Lieblingsteile: Man muss sie eben mögen, dann sind sie zweifellos schön. Und wer dazu noch weiterer Anregung bedarf, schaue hin und wieder in das köstliche Büchlein von Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln. Alternativ begebe man sich zum kurfürstlichen Jagdschloss nach Moritzburg und betrachte den beinahe legendären Schuh des Aschenbrödels an der nach Osten gelegenen Außentreppe.

2 Antworten zu „Können Kleider glücklich machen?”.

  1. Lieber Prof. Knittel,
    ich freue mich auf weitere interessante Blogeinträge zu diesem Thema. Sehr aufschlussreich!

    Lediglich ein kleiner Schreibfehler im Wort „Aschenbrödel“.

    Ich grüße sie herzlich mit dem schönen Satz – „Das Leben ist zu kurz für langweilige Kleidung!“ (Carly Cushnie & Michelle Ochs).

    Isa Wetzel

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    1. Vielen Dank. Schön mal wieder von Ihnen zu hören. Und den Fehler korrigiere ich natürlich. 😀 Derzeit habe ich etwa 10 Texte für mein Projekt. Weitere sind in Planung. Danke für die Ermutigung

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