
Seit Sommmer 2022 arbeite ich mit der Dresdner Künstlerin Gabriele Schwanebeck (@farbeabstrakt) zusammen. Wir haben dafür den Titel #malerei_trifft_mode gefunden und bereits verschiedene Lesungen mit Bilderschau durchgeführt. Das ist sehr inspirierend. Nun habe ich zu dem neuen Bild „Blau“ mal einen Text-Versuch farbphilosophischer Natur unternommen. Der Begriff farbphilosophisch ist dabei natürlich etwas kühn. 😀 Eure Meinung dazu würde mich interessieren.
Stellen wir zu Beginn eine ganz schlichte Frage. Was wäre, wenn die Blue Jeans rot wäre? Mal abgesehen davon, dass sie dann anders heißen würde, wäre sie gewiss nicht so cool, wofür wir sie bekanntlich lieben. Und sie wäre auch nicht so weit verbreitet, denn Blau machen ist im Vergleich zu rot sehen eher mehrheitsfähig. Rot steht modisch gesehen für Extravaganz, auffallendes Pathos. Zwar ist die Jeans tatsächlich mehr als irgendeine Hose, vielmehr eine Lebenseinstellung, wie wir wissen. Aber sie kommt im Mantel des Understatements daher. Sie fällt durch Nichtauffallen auf, außer vielleicht wenn sie supereng sitzt bzw. gewollt (oder ungewollt) aufgerissen den Blick auf ein geheimnisvolles Darunter freigibt.
Blau ist vermutlich die ideale Farbe für eine Jeans, auch wenn es mittlerweile natürlich gelbe, grüne, graue, schwarze und tatsächlich auch rote gibt. Nun müssen wir freilich etwas genauer werden und feststellen: Es ist nicht einfach blau, sondern indigo. Schon vor etwa 500 Jahren wurde in Genua ein robuster Stoff aus arabischer Baumwolle in indigoblauem Farbton von den Hafenarbeitern als Arbeitskleidung verwendet. Von dieser „genuesischen Art“ (Geannes) kommt übrigens der Begriff Jeans her. Die Indigopflanze stammt aus Indien, in Europa verwendete man Färberwaid, um einen ganz ähnlichen Farbton zu gewinnen. Den markanten Indigo-Farbton sieht man der Pflanze zunächst gar nicht an. Indigo entsteht aus dem farblosen Indikan, das in den Blättern der Indigopflanze vorhanden ist, durch Gärung einen gelben Farbton bekommt und dann Indoxyl heißt. Kommt dieses mit Sauerstoff zusammen, gewinnt es seinen typischen Indigoblauen Farbton, was aber offenbar ein zeitaufwändiger Prozess ist. Probiert habe ich es selbst noch nicht.
Jedenfalls wird es in der Modewelt eine sehr willkommene Entwicklung gewesen sein, dass die Badische Anilin- und Sodafabrik seit etwa 1890 Indigo synthetisch herstellte. Gleichwohl wäre es schade, wenn das manuelle „Blaumachen“ dadurch gänzlich aussterben würde. Daher war es sicher zu begrüßen, dass der Mönchengladbacher Konzeptkünstler Norbert Krause im Juni 2016 in Mönchengladbach die „Blaumacherei“ eröffnete. An verschiedenen öffentlichen Orten der Stadt konnte man alte Textilien abgeben, welche durch den Künstler blau gefärbt wurden. So konnte ich es jedenfalls lesen, Augenzeuge war ich (leider) nicht. Sehr aufschlussreich war für mich auch ein digitaler Rundgang durch die Historische Farbstoffsammlung der Technischen Universität Dresden mit Prof. Dr. Horst Hartmann. Hier erfuhr ich mit einem gewissen Staunen, dass beim historischen Färben mit Inidigo unter anderem auch Urin zur Anwendung kam.
Blau ist eine äußerst vielseitige Farbe. Denn neben Indigo gibt es mindestens noch reichlich zwanzig weitere Blautöne, wenn nicht noch viel mehr. Ein wahrliches Konzert in Blau, welches von Azur über Kobalt bis hin zu Saphir oder Ultramarin reicht. Blau steht für Stabilität und Sicherheit, genauso aber für Trauer und Melancholie, wie ich lesen konnte. Und so ist es wohl kein Zufall, dass Blau sowohl für höchst schick, als auch für lässig und rockig steht. Blau kann man in der Oper tragen, ebenso in Woodstock, Wacken oder bei Westernhagen. Blau passt zum Meer genauso wie zu Bergen. Zu Blaumann oder blauem Blut.
Blau kann man, nur bitte nicht gleichzeitig, mit Rot, Gelb, Grün, Schwarz oder Silber kombinieren. So ist es jedenfalls in der Mode, im Leben nicht immer. Ich persönlich mag unter den blauen Worten am liebsten Lapislazuli, weiß allerdings nicht, wie man dieses richtig ausspricht.
Und so ist das Schöne am Blausein, dass es so uneindeutig ist. Man meint, es fixiert zu haben und schon verdreht es einem die Augen. Man sagt, die alten Römer kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und die Ägypter wiederum trennen sprachlich nicht zwischen Blau und Grün. Warten wir also, dass die Ampel blau wird und düsen in der coolen Blue Jeans im azurfarbenen Cabrio nach Rom, wo man Blau als Wort nicht kennt, aber die Sache sehr wohl. Oder wir lernen aufs Neue das Färben und geben unseren schlabbrigen Untertrikotagen neuen Glanz in Indigo. Das braucht niemand, ist ökonomisch nicht sinnvoll, könnte aber schön sein. Und dazu einen Blue Curacao zur blauen Stunde. Cheers.

Hinterlasse einen Kommentar