Stay cool, Alter

Leider bin ich nicht cool. Für Männer jenseits der Fünfzig ein existenzielles Problem.

Ich habe coole Männer dieser Kategorie gegoogelt. Eine Stichprobe ergab: Zwei von dreien tragen eine Sonnenbrille.

Nur ich habe wiedermal keine. Noch nie in meinem Leben habe ich eine Sonnenbrille besessen.

Manche schauen in den Spiegel und sehen einen Eisbären mit verspiegelter Sonnenbrille. Und das bei 37 Grad im Schatten. Stay cool. Coolness meets Coldness.

Bei mir wird das offenbar nix. Ich habe keine Sonnenbrille, liege selten am Strand. Und Skifahren geht auch nur so lala.

Man sagt, Sonnenbrillen wären Eye-Catcher. Möglicherweise sogar in beide Richtungen.

Sie gelten als Modestatements. Freilich nur, wenn man sie mit der Selbstverständlichkeit trägt, die mir nicht eigen ist.

Die Sonnenbrille muss wirken, als hättest du sie zufällig gerade mal aufgesetzt. Zugleich sollte sie den Eindruck erwecken, als würdest du niemals ohne vor die Tür gehen, möglicherweise sogar mit ihr ins Bett steigen.

Wie das geht, kann ich nicht erklären. Eben das ist das Problem.

Na gut, ich spiele E-Gitarre. Ca. dreimal im Jahr. Ich schreibe Kolumnen. Die dann drei bis vier Leute lesen. Aber das Entscheidende fehlt. Heino hat sie, Falco hatte sicher unzählige,  Leonardo DiCaprio gilt gar als Sonnenbrillenkönig. Obgleich der Titel auch von anderen beansprucht wird.

Ich bin ein schlichter Brillenträger. Leider kurzsichtig, seit kurzen auch noch kurzarmig (ein Phänomen, das die abendliche Lektüre erschwert) und darum gleitsichtig. Mit einem handelsüblichen Designerstück würde ich wenig sehen, nicht nur wegen der Dunkelheit vor mir. Ich bräuchte Sonnenfenster mit einem Sphärenwert von -4,0 Dioptrien. Aber lohnt sich das? Sicher wäre in den lichtvollen Momenten die „Verdunkelte“ gerade nicht zur Hand. Und bis ich sie wiedergefunden habe, hat sich der Himmel in Wolken gehüllt und es ist Gewitterstimmung aufgezogen. Sonnenfinsternis ist auch nicht allzu oft.

Naja, ich sitze eh meistens im Schatten. Aber man trägt die Sonnenbrille ja nicht wegen der Sonne. Und richtig crazy wird es, wenn du sie vor allem als eine Art Haarreifen nutzt. Kommt freilich bei meiner Frisur nicht infrage. Ein Instafreund riet mir zu einem praktischen magnetisch haftenden Sonnenbrillen-Clip, den er allerdings schon mehrfach verloren habe. Nun weiß ich nicht, wo hoch der Wiederbeschaffungswert ist.

Es ist deprimierend. An meiner Instagram-Befragung zum Thema Sonnenbrillen haben bislang immerhin fünf Personen teilgenommen. Aber alle haben mehrere oder gar unzählige Sonnenbrillen. Nur eine Nutzerin schrieb mir in den Kommentaren, sie hätte in Jugendzeiten mal ein Exemplar besessen, dieses aber dann verlegt und seitdem nicht wieder benötigt. Selbst das kann ich nicht für mich in Anspruch nehmen.

In Coolness bin ich eher abstinent. Der Whisky 1. Sohle abends am Kaminofen reist es leider auch nicht raus. Vielleicht schreibt mir mein Schatz demnächst an den Spiegel: Stay cool, Alter. Leider wird dann wohl die Brille nicht zur Hand sein, und auch die Sonnengläser würden mir in dieser Sache nichts nützen.

Und so bin ich im Urlaub eben ein schlichter Tourist. Mit Selfiestick, Wanderkarte und Trinkflasche. Wenn die Sonne scheint, muss niemand cool sein. Und wenn es kühl ist, scheint die Sonne nicht.

Eine Art Sonnenbrille habe ich dann doch noch gefunden, gibt es im Kino deines Vertrauens.

Eine Antwort zu „Stay cool, Alter”.

  1. Es muss nicht immer unbedingt eine Sonnenbrille sein, um cool zu sein. Viel besser ist es doch, den Menschen direkt in die Augen schauen zu können. Es ist doch unbezahlbar, wenn man die Welt und den Menschen ohne Einschränkung sehen kann. Und für diejenigen, die Probleme mit dem Sehen haben, gibt es immer noch die Möglichkeit von eye laser. Aber zum Glück mit dieser Sonnenbrille kann man auch noch in die Augen schauen.

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