Nicht jeder Schuh passt

Gastbeitrag von Friederike Seerig

Dankbar für inspirierende Texte, die mir zugeflogen sind. Foto: Cornelia Normann

Vorbemerkung: Heute folgt Teil 2 meiner Gastbeiträge. Letztens habe ich an dieser Stelle über Pläne für ein neues Buch mit dem Titel Laufstege und Holzwege berichtet. Daraufhin bekam ich einige Zuschriften mit eigenen Gedanken zum Wandern im weitesten Sinn. Das hat mich sehr gefreut. Und ich habe beschlossen, künftig einige Gastbeiträge in meinem Blog zu veröffentlichen und damit den weiteren Austausch über das Unterwegs-Sein zu befördern. Es wäre schade um solche wunderbaren Texte, wenn sie nie veröffentlicht würden. Danke, liebe Friederike, für deine Freigabe des Textes und weiterhin viele gute Gedanken beim Schreiben und posten.

Nicht jeder Schuh passt

Ob Herren oder Damen, manche Leute besitzen mehrere Paare davon und setzen sie gezielt als Teil ihres modischen Auftritts ein. Für andere sind sie eine praktische Notwendigkeit, die nur ins Bewusstsein kommt, wenn was drückt. In allen Fällen kann man nicht leugnen, dass sie einen beachtlichen Teil unseres Wohlbefindens ausmachen, die Schuhe.

Die dienstbaren Zwillinge müssen einiges abkönnen und beklagen sich nie. Da finden sich in meiner Schuhhistorie einige Paare, von denen ich nur ungern Abschied nahm, während ich anderen nicht hinterhertrauere. Das schwarze Wildlederpaar mit den Absätzen hat mich auch innerlich ein Stück wachsen lassen, als ich nach der vierten Klasse auf die neue Schule in der „großen Stadt“ Annaberg-Buchholz kam. Ich bin ein Dorfkind.

Oder die weissen, irre schicken, nicht gefütterten Lederstiefel, die ich mir mit 17 Jahren entgegen dem Rat meiner Mutter kaufte. Sie sollten meine Aussenwirkung auf ein anderes Level heben, aber waren teuer, ich fror darin und ihr Reißverschluss ging nach ein paar Wochen irreparabel kaputt. Heute finde ich, dass sie nie zu mir gepasst haben.

Es geht mir eine Ahnung davon auf, dass Schuhe eine stärkere Symbolkraft in sich tragen, als es zunächst den Anschein erweckt. Denke ich dabei auch an einen Seminartag der Stadt Annaberg für die Teilnehmer des Freiwilligen Sozialen Jahrs zu denen ich mit 19 gehörte. Es war der Abschlusstag für uns, die wir in den großteils städtischen Kitas und Pflegeheimen erste Berufserfahrungen machen konnten. Zu diesem Anlass zog ich meine neuen Schuhe an. Es waren blaue Absatzschuhe mit ombreartigem Farbverlauf von hell zu dunkel an den Rändern mit einer kleinen rustikalen Schleife vorn als Dekor. Die Mitte der Schleife zierte eine braune Holzkugel. Ich war wild darauf, sie endliche zu tragen. Sie waren neu und ich hatte sie bei einem Wettbewerb um das „Werbegesicht für die Annaberger Modenacht“ gewonnen, bei dem ich den siebten Platz belegt hatte, worauf ich mächtig stolz war.

So traf sich die Gruppe der jungen Erwachsenen beim Frohnauer Hammer und es schwante mir Schlimmes.. Und wenn ich den Tagesplan im Vorfeld gelesen gehabt hätte, hätte ich gewusst, dass unser Abschlusstag eine kleine Wanderung beinhaltete. Wer den Weg hinauf innerhalb des Ortsteils Frohnau kennt weiß, dass sie eine beachtliche Steigung bedeutet. Noch bevor wir ein Waldstück erreichten hatte ich mir die ersten Blasen an den Fersen gerieben. Und dreiviertel des Weges lagen noch vor mir. Auch der Regen machte die Fortbewegung nicht erträglicher.

Es stellt sich mir die Frage, welche metaphorischen Schuhe ich vielleicht im Laufe meines Lebens schon an hatte, die entweder nicht zu mir oder zur Gelegenheit passten. Eine Erinnerung an meine Pilgertour von Görlitz nach Leipzig auf dem Ökumenischen Pilgerweg kommt mir dazu in den Sinn. Ich hielt Einkehr in Großenhain. Ich kam abends verschwitzt und wieder mit neuen Blasen am Fußballen an. Tagesziel erreicht. Gott sei Dank.

Die strenge Gastmutter schaute an mir herab auf meine Füße, an denen braune dickprofilige Wanderschuhe steckten. „Die Schuhe sind ja viel zu schwer und zu grob“ meinte sie, ohne dem Thema weiteren Anlass zur Vertiefung zu geben. Mein erster Gedanke war: Was schickt sie sich an, die Auswahl meiner Schuhe so zu bewerten. Das kann ihr doch egal sein. Ich ärgerte mich. Mein zweiter Gedanke war, dass sie Recht hatte.

Ich hatte die Tour angetreten ohne ein richtiges Bewusstsein darüber, dass die Strecke zu grossen Teilen auch über asphaltierte Straßen und feste Feldwege führte und meine Schuhe in der Tat ein zu schweres Geschütz waren, das besser zu einer Alpenbergsteigertour gepasst hätte. Oder zur spanischen Via Regia. Aber die Hügel in Mittelsachsen sind nicht gerade die Pyrenäen. Aber ich dachte, als echte Pilgerin brauche ich solche Schuhe.

Wahrscheinlich wurmte es mich umso mehr, dass sie auf den ersten Blick sah, dass ich es mir viel zu schwer gemacht hatte. Schwerer, als nötig. Im Nachgang verstand ich erst das Sinnbild, was interessanterweise sehr gut auf mein Leben passt. Dass es nicht nötig ist, diesem Spiel zwischen Anpassung und bewusstem Auffallen so viel Raum zu geben.  Dass mein Leben zu MIR passen darf und nicht dazu, wie andere mich sehen. Dass es manchmal einfach auf die Situation drauf ankommen darf, was passt und was nicht. Dass ich mich abgrenzen darf, bevor ich mich innerlich auftreibe. Dass ich gerne Schuhe suchen darf, die bequem und schön gleichzeitig sind und zudem noch zum Anlass passen.

Dass es so ist, wie Andrea Adams-Frey an Jesus gerichtet singt: „Ich brauch‘ Schuhe, die mir passen und Farben, die mir stehn. Ich will Musik in Lieder fassen, die ohne mich verloren geh’n. Will nicht nach Ruhm und Ehre trachten, verlier‘ mich selber nur dabei. Ich lasse mich von dir beachten. In deinem Anseh’n werd‘ ich frei.“

Es kostet immer wieder Übung, aber heute weiß ich schon viel mehr, als damals: ich muss mir nicht jeden Schuh anziehen.

3 Antworten zu „Nicht jeder Schuh passt”.

  1. Wow, das ist wunderschön. Das nehme ich unbedingt mit auf meine nächsten Wanderungen, Pilgerungen und Lustwandlungen. Wem möchte ich gerecht werden mit meinem Schuhwerk….mir selbst, den anderen, dem Weg oder dem Ziel….. Vielleicht am wenigsten den anderen, doch manchmal vielleicht mehr dem Ziel als dem Weg dahin, doch werde ich es dann erreichen? Ist vielleicht aber auch nicht schlimm, wenn nicht, vielleicht ergibt sich aus dem unpassenden Schuhwerk tatsächlich ein neues Ziel, was wiederum viel mehr meinem Weg entspricht, den ich gehen möchte, in meinen Schuhen.

    Danke für Inspiration, liebe Friederike

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  2. Es war sehr gut und eine tolle Erfahrung, die jeder nutzen kann, großartig

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