Schöne Kleider statt eines betrübten Geistes. Modepredigt

Foto: Friederike Knittel

Im Laufe eines Lebens bekommt man verschiedene Spitznamen verpasst. Von Jugend auf ist das bei mir der Name James. Interessanterweise habe ich diesen so etwa bis Anfang 20 verwendet. Viele kannten mich nur mit diesem Namen. Dann verschwand er für längere Zeit, und nun, so etwa mit Fünfzig, habe ich ihn wieder hervorgeholt und meinen Instagram-Account @einfach.james genannt.

Vor kurzem kam dann ein weiterer Spitzname hinzu. Der Modepfarrer. Vergeben hat ihn mir die Kirchenzeitung „Der Sonntag“, wo darüber berichtet wurde, dass ich gelegentlich Texte über die Mode schreibe und dabei versuche, Mode und Glaube in Beziehung zu setzen.

Foto: Der Sonntag

Also, einen Modepfarrer braucht es im Grunde ja nicht. Das denke ich bis heute und wusste auch zunächst nicht, ob ich diesen Spitznamen annehmen sollte. Aber dann dachte ich, dass er doch zu mir passt. Denn tatsächlich versuche ich, die Mode auch vom christlichen Glauben her zu beleuchten. Und so kokettiere ich inzwischen sogar damit, dass ich Mode-Predigten halte. Manche finden das interessant, manche stört es vielleicht auch, aber vielleicht sollte Kirche so vielfältig sein, dass sie auch einen Modepfarrer in ihren Reihen duldet. Und manchmal werde ich ja auch direkt eingeladen, eine solche Modepredigt zu halten.

Was haben Mode und Bibel miteinander zu tun? Aus meiner Sicht ist es so, dass die Mode eben auch zum Leben gehört und da die Bibel mit allen Fragen des praktischen Lebens zu tun hat, hat sie auch mit Mode zu tun.

Wie wichtig ist dir Mode? Ich habe mich mal umgehört und eine kleine Instagram-Umfrage unternommen. 50 Leute haben teilgenommen, immerhin.

Nun muss ich allerdings richtigstellen, dass es mir im Grunde gar nicht um Mode geht. Jedenfalls nicht im Sinn von „aktuell angesagt“ und „ alle tragen es“. Meine Kleidung ist vermutlich überhaupt nicht modern, denn man trifft sicher nicht viele Leute, die ähnlich herumlaufen. Ich verstehe Mode mehr im allgemeineren Sinne, als Art und Weise sich zu kleiden. Das entspricht auch der ursprünglichen Wortbedeutung. Mode stammt vom lateinischen „modus“ ab, was die Art und Weise bezeichnet. Und irgendwann im 17. Jahrhundert sagte eine französische Königin: ich kleide mich a la moda italiana, nach italienischer Art und Weise. Und so wurde es allmählich schick, mit dem Wort Mode die Art und Weise besonders neuartiger Kleidung zu bezeichnen. Den neuesten Schrei gewissermaßen. Manche verbinden das Wort Mode auch mit der Bedeutung extravagant oder trendig.

Aber darum geht es mir gar nicht so sehr. Mir geht es mehr um die Frage: Stecken in der Kleidung auch Glaubensfragen? Irgendetwas anziehen müssen wir ja. Aber warum tun wir es genau so, wie wir es eben tun? Hinzu kommt, dass wir manchmal auch Kleidungsstücke wählen, die andere als unschicklich betrachten. Oder wir fragen uns: ist das nicht zu teuer? Lege ich zu viel Wert auf Äußerlichkeiten? Also ich behaupte einfach mal: In gewisser Weise beschäftigen wir uns alle mit Mode, ob wir nun mehr oder weniger darüber nachsinnen. Bei der Auswahl der Kleidung denken wir uns etwas.

Nun, in der Kirche hat die Beschäftigung mit Kleidung oft einen schweren Stand. „Wir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden.“ Ein klassisches Kirchenlied, von Gerhard Tersteegen, 1729. In einem mittelalterlichen Text heißt es: „Seid nicht die ersten, die  neue Moden annehmen, vor allem nicht solche von Frauen aus fremden Landen. … Tragt festliche Kleider nur zu Ehren hoher Feiertage, nicht um Leute zu beeindrucken.“

Foto: Autor

Sebastian Brant bringt die Modekritik in seinem „Narrenschiff“, einer Gesellschaftssatire aus dem 15. Jahrhundert, in folgende Reime:  „Wer neue Moden bringt durchs Land, Der gibt viel Ärgernis und Schand und hält den Narren bei der Hand.“  „Von Narren gab ich euch Bescheid, damit ihr sie recht kennt am  Kleid.“ „Vor einer Mode die andre weicht, das zeigt, wie unser Sinn ist leicht und wandelbar zu aller Schande, und wieviel Neuerung ist im Lande.“ „Mit schändlich kurz geschnittnen Röcken (womit er damals übrigens die Männer meinte), die kaum den Nabel mehr bedecken! Pfui Schande deutscher Nation, Daß man entblößt, der Zucht zum Hohn, Und zeigt, was die Natur verhehlt! Drum ist es leider schlecht bestellt Und hat wohl bald noch schlimmern Stand. Weh dem, der Ursach gibt zur Schand!“ Der Schriftsteller Oscar Wilde hat schon recht: „Mode ist so unerträglich häßlich, daß wir sie alle Halbjahre ändern müssen.“

Nun möchte ich mit euch heute aber über ein interessantes Zitat aus der Bibel nachdenken, das einen anderen Akzent setzt. Die schönen Kleider kommen darin in einem ganz positiven Sinn vor. Es geht um eine Prophetie im Buch Jesaja, etwa 2500 Jahre alt. Vom göttlichen Friedensbringer wird dort geredet, wir verwenden dafür auch das Wort Messias. Der Gesalbte Gottes.

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, – so heißt es dort – weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

Der göttliche Friedensbringer, der Messias, bringt unter anderem auch schöne Kleider mit. Denen, die trauern, denen das Herz gebrochen ist, denen, die sich elend fühlen verkündet er frohe Botschaft: Gott will dir Freiheit schenken. Gott schaut dich gnädig an, du bist also wertgeachtet bei ihm. Schmuck, Freudenöl und schöne Kleider werden dir versprochen. Natürlich sind das bildhafte Vergleiche. Gott ist kein Schneider. Aber immerhin hat Gott auch die Schneider erschaffen und begabt. Davon bin ich überzeugt.

Schöne Kleider sind hier eine Umschreibung dafür: Gott schenkt dir Gutes: Freiheit, Gnade, Schmuck und schöne Hüllen. Ich habe mir das heute zur Überschrift gewählt: „Schöne Kleider statt eines betrübten Geistes“ (Jesaja 61,3)

Erwähnen möchte ich, dass es in der St. Annen-Kirche in Annaberg-Buchholz eine Darstellung Gottes gibt, die Gott in schicker Kleidung zeigt: er trägt Schuhe, und zwar solche, die nach dem Zeitgeschmack des 16. Jahrhunderts sehr modern waren. Und er trägt einen festlichen Mantel, auf dem die Sterne des Himmelszelts abgebildet sind.

Foto: Rolf Rehm

Ich verstehe den Mantel so, dass Gott sich mit seinen Geschöpfen umgibt, ihre Nähe sucht. Und die Schuhe verstehe ich so: Gott hat sich mit der Erschaffung der Welt auf einen Weg begeben. Auf den Weg hin zu uns. Er sucht Gemeinschaft mit uns, will uns nahe sein. Ein Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch knüpft an diese Vorstellung vom Himmelsmantel an: „Mond und Sonne sind Geschöpfe von des höchsten Gottes Hand, hingesät auf seines Thrones weites, glänzendes Gewand.“

Und so drückt hier die Mode etwas Theologie aus: Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, sucht Verbindung mit uns Menschen. Und er will, dass seine Nähe für uns wohltuend ist. Nichts anderes sagt der Prophet Jesaja: der Messias bringt als Bote Gottes die Kunde von Freiheit, Gnade und Glück. Und das Glück sollen nach meinem Verständnis der Schmuck, das Freudenöl und die schönen Kleider ausdrücken.

Kleider machen nicht selbst glücklich, aber sie können Glück ausdrücken. Sie helfen vielleicht auch ein bisschen dazu, dem Glück eine Sprache zu geben. Gott will nicht, dass wir Menschen einen betrübten Geist haben. Er sieht auch die Not und den Unfrieden, die Hetze und das Gehetztsein, er sieht die Traurigkeit und Mutlosigkeit. Aber er will uns, im Bilde gesprochen, diese dunklen Klamotten abnehmen und uns mit Farbe und Glanz kleiden. Er will das Leben schön machen.

Nun Gott hat freilich auch, ihm sei es geklagt, die Motten erschaffen. Das muss man zugeben, wenn man die ganze Schöpfung als Werk Gottes versteht. Vielleicht will er uns damit erinnern: Legt nicht zu viel Hoffnung auf die Gewänder selbst. Plattformen wie Facebook und Instagram sind voll von Bildern, wo Menschen sich durch ihre Kleider Heil, Sinn und Erfüllung erhoffen, wo es Modepäpste und messianische Outfits gibt. Himmlische Klamotten quasi. Die Gewänder sind aber vergänglich. Sie machen mich nicht selig, obwohl ein seliges Lächeln in einem schicken Gewand nicht verboten ist. Ich muss zugeben, dass es mir manchmal richtig gute Laune bringt, mir zu überlegen: Was ziehe ich heute an?

Aber ich denke, das sind nicht die Gewänder an sich. Ein schönes Hemd schützt vor schlechter Laune nicht. Manchmal aber gelingt es, dass die Kleider etwas ausdrücken: ich schaue positiv auf das Leben, weil ich Gott an meiner Seite weiß. Weil ich niemandem etwas beweisen muss, sondern von vornherein bei Gott angenommen bin, muss ich mich vor etwaigen Modesünden nicht fürchten.

Ist die Kleidung also wichtig? Sie ist kein Weg, den Himmel aufzuschließen. Aber sie ist Ausdruck der Dankbarkeit. So viel ist mir geschenkt in meinem Leben, das ich mir nicht erarbeitet habe. Ich bin angenommen und geliebt, auch wenn ich manchmal seltsam gekleidet bin. Ich bin ummantelt mit Segen, ausgerüstet mit den Schuhen des Glaubensmuts. Jesus sagte einmal: Gott versorgt euch mit Kleidung. Ihr müsst euch nicht allzu viel darum sorgen. Aber genau die schönen Dinge, die mir manchmal einfach zufallen, sie machen mein Leben reich. Sich schick machen kann heißen: ich freue mich über mein Leben, das Gott mir geschenkt hat. So gesehen denke ich, die Kleider können sogar Ausdruck des Glaubens sein. Gerade weil sie mein Leben nicht sicherstellen, sind sie schön. Ein bisschen auch wie das Sahnehäubchen auf dem Kaffee. Nicht unbedingt nötig, aber schön.

Foto: Autor

Eine Antwort zu „Schöne Kleider statt eines betrübten Geistes. Modepredigt”.

  1. Kleidung kann auch ein Statement sein. Nicht immer möchte man angepasst sein oder sich dem Mainstream hingeben oder der neuesten Mode entsprechen. Dabei müssen es nicht immer die neusten Sneaker Socken, Turnschuhe oder Shirts sein. Die Hauptsache ist, dass man sich wohl fühlt und glücklich ist. Die These über «sich schick machen» ist durchaus sehr interessant und bietet mal einen anderen sehr schönen Blickwinkel.

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