Vom Reiz des Monokels


Neulich führte ich eine kleine Umfrage durch und bat um Themen, über die ich mal etwas schreiben sollte. Der Flohmarkt und die Fliege waren schon dran. Über das behütet sein schrieb Charlotte, nun fehlte noch das Monokel. Hiermit tue ich der Bitte genüge. Danke an Peter Naumann. Hat mir Spaß gemacht.

—-

Als der Kyklop Polyphem den Odysseus und seine Gefährten in einer Höhle eingesperrt hatte, freute er sich auf fette Beute, denn er war im Nebenberuf quasi Menschenfresser. So erzählt es Homer in seinem berühmten Reisebericht über die Abenteuer des Odysseus.

Was er freilich nicht erkannte, war die List des Odysseus, der sich zunächst als Mister „Niemand“ vorstellte, ihn später mit rauschhaftem Getränk einschläferte und ihm sodann mit
einem glühenden Pfahl das Augenlicht raubte. Schreiend ruft Polyphem seine Brüder zu Hilfe: Niemand hat mich geblendet. Aber diese hielten ihn – wer will es verübeln? – für ein bisschen
gaga. Und so konnte Odysseus mit seinen verbliebenen Gefährten entkommen.

Der Kyklop blickte es nicht. Nun, er hatte ja auch nur ein Auge, wie es sich bei Kyklopen üblicherweise verhält. Und die Sehhilfe für Einäugige war längst noch nicht erfunden. Und selbst
wenn, er hätte das Monokel nicht vor‘s Auge klemmen können, befand sich dieses bei ihm doch mitten über der Nase.

Ich frage mich freilich, ob es für den Kyklopen hilfreich gewesen wäre, ein Monokel zu besitzen und auch benutzen zu können. Vermutlich nicht, denn er war nicht nur einäugig, sondern –
schlimmer noch! – auch einfältig. Und dem Einfältigen dient die schönste Brille nicht immer dazu, den Durchblick zu gewinnen.

Das Monokel entwickelte sich aus dem Lesestein, der eine Art Vorläufer der Lupe war. Diese Herkunft hat es mit der Brille gemeinsam, die offenbar sogar älter ist als das Monokel. Etwa im 14. Jahrhundert kam man auf den Gedanken, dass es besser sei, die Linse nicht vor den Text, sondern vor das Auge zu halten. Ich vermute, dass man damit einen größeren Überblick gewinnen wollte. Nicht nur die einzelne Textstelle, sondern der Text insgesamt (oder jedenfalls ein größerer Teil von ihm) konnte somit in den Blick genommen werden. Ein Fortschritt, zweifellos.

Ein weiterer Meilenstein der Monokelhistorie war es dann, als man im 16. Jahrhundert bemerkte, es wäre gut, die Linse direkt vor dem Auge festzuklemmen, damit man beide Hände
frei hätte – zum Umblättern, Naschen während des Lesens oder anderen wichtigen Verrichtungen.

Freilich nannte man das Einglas bis dahin noch nicht Monokel. Dieser Begriff kam erst im 19. Jahrhundert auf, ein Wortspiel aus monos „allein, einzig“ und oculus „Auge“. Das „Einzigauge“
wanderte aus den alten Sprachen Griechisch und Latein über das Französische ins Deutsche ein. Dort wurde es begierig aufgegriffen, insbesondere von den so genannten höheren
Schichten. Vorzugsweise unter Offizieren war es beliebt. Im 20. Jahrhundert kam es aber zunehmend aus der Mode. Beispielsweise wurde es den britischen Soldaten untersagt, ein
solches zu tragen, denn das Monokel sei nichts anderes als ein „Auswuchs alberner Eitelkeit“.

Welche Gründe außer dem modischen Antrieb (oder Abtrieb?) könnte es nun aber geben, das Monokel dem Binokel, also der gewöhnlichen Brille, vorzuziehen? Möglicherweise hat der
Monokelträger den Anblick der vollen Wirklichkeit satt und möchte sich daran begnügen, nur die Hälfte von all dem Unschönen, Missliebigen oder Halbgewalkten zu sehen, das die Welt im Allgemeinen auszeichnet. Leider würde sich dann aber auch das Schöne und Sehenswerte halbieren. Wenn denn die Rechnung aufginge, was sie aber vermutlich nicht tut.

Wer sich schon einmal ein Auge zugehalten hat und nicht gerade auf dem anderen blind ist, kennt nämlich die leidige Erfahrung, dass er im Grunde noch genau dasselbe sieht, nur nicht mehr räumlich. Das Gesehene mag vielleicht etwas unschärfer wirken, ist aber immer noch da. Kurzum: das Monokel ist keine geeignete Form der Reduzierung von Komplexität. Die Welt bleibt schwierig, verwirrend, rätselhaft, aber irgendwie auch schön. Ob man sie nun mit einem oder zwei Augen betrachtet.

Aber da kommt nun eine zweite Variante ins Spiel: Vielleicht will die Monokelträgerin selbst entscheiden, aus welchem Blickwinkel sie die Wirklichkeit betrachtet. Ihr steht es frei, das
Monokel vor das rechte oder linke Auge zu klemmen. Vielleicht verändert das den Blick, obgleich das Gesehene – wie gesagt – identisch bleibt.

Welche Argumente für das Monokel könnte es noch geben? Man ist schneller mit dem Putzen der Sehhilfe fertig. Allerdings: wenn eine Glas bricht, ist das ganze Hilfsmittel futsch. Bei einer
normalen Brille bleibt immerhin noch ein ganzes Glas zurück. Auch fällt das Monokel schneller runter.

Anderseits: ich glaube, es dient der Ernsthaftigkeit des Gesichtsausdrucks. Mit einem Monokel zu lachen, ohne dass dieses herunterfällt, ist eine gewisse Kunst, die nicht allzu viele beherrschen.

Am Ende ist das Monokel wohl verheißungsvoll, aber nicht wirklich praktisch. Und genau das ist oft der Fall, wenn Dinge modern sind. Es könnte sein, dass das Monokel tatsächlich mal wieder modern wird, dann schauen wir mal.

Könnte aber auch sein, dass es irgendwann modern wird,
nur eine Kontaktlinse statt zweier zu tragen. Das wäre quasi ein geheimes Monokel. Keiner merkt‘s, dass du dann vermeintlich nur die Hälfte siehst. Höchstens an deinem Verhalten könnte man es erkennen. Da muss man aber sehr genau hinschauen.

2 Antworten zu „Vom Reiz des Monokels“

  1. super. Gratuliere 🎈 gefällt ,

    mir!

    Like

    1. Vielen Dank. Nun suche ich nach neuen Themen. Es ist eine schöne Übung für den Hobby Schriftsteller, über Themen zu schreiben, mit denen man sich noch nie groß beschäftigt hat. Beste Grüße Thomas

      Like

Hinterlasse einen Kommentar