
Gewissermaßen ist der Aligoté das Sandwichkind unter den Weinen Burgunds. Sandwichkinder erhalten weniger Aufmerksam als die Erst- oder Letztgeborenen. Sie sind weder „der große Bruder“ noch das kleine „Nesthäkchen“. Sie stehen oft ein bisschen im Schatten. Vielfach kümmern sie sich aber einfach selbst um die Dinge, die ihnen wichtig sind. Darum wird ihnen auch eine hohe soziale
Kompetenz sowie Anpassungsfähigkeit zugeschrieben. Aber manchmal werden sie eben einfach übersehen.
Nun, der Aligoté steht in der Wahrnehmung der Weintrinker zumeist im Schatten seiner berühmteren Geschwister, des Chardonay oder des Pinot Noir. Jemand nannte ihn daher treffend den „Jermaine Jackson unter den Rebsorten im Burgund“ (weinamlimit.de). Ein gewisses Talent für Qualität sei durchaus vorhanden. Dieses würde aber gewöhnlich überstrahlt von den Megastar-Geschwistern.
Im guten Fall macht der Aligoté still und gelassen seinen Job, wie es viele Sandwichkinder tun. Er macht keine großen Worte darum.
Jüngst war ich mit meiner schicken Wandergefährtin zu einer köstlichen Rast in einem Feinschmeckerlokal eingekehrt. Zu jedem Gang gab es – sofern gewünscht – einen passenden Wein. Der Aligoté kam noch vor dem ersten Gang. Er gehörte quasi zum Gruß aus der Küche. Auf der Weinkarte zum Menü war er nicht verzeichnet. Am Ende des leckeren Abends hatte man ihn beinahe schon vergessen. Und so behielt ich ihn nur deswegen in Erinnerung, weil der Sommelier für den Auszug aus dem Genusstempel noch einmal alle kredenzten Weine des Abends zu einer kleinen Abschiedsparade aufgereiht hatte. „Ah, ja! Da war ja noch der Aligoté!“
Als ich dies bei mir bedachte, wurde mir klar, dass ich wohl eher nicht Aligoté bin. Es kann daran liegen, dass ich eben kein Sandwichkind bin, wer weiß? Ich bin der Jüngste unter fünf Geschwistern. Manche behaupten, die Oma hätte mich regelmäßig verwöhnt.
Jedenfalls muss ich zugeben, dass mein Kleidungsstil so ziemlich genau das Gegenteil von Aligoté ist. Eher ein bisschen aufgedreht. Manche sagen: „extravagant!“, was ich gar nicht so recht glauben will, aber wohl stimmt. Ich kann zwar zuweilen ziemlich schweigsam sein, aber auf einer Bühne gehe ich aus mir heraus. Und das Leben bietet mir tatsächlich viele Bühnen. Da kann es dann im Zweifelsfall durchaus eine Farbe mehr sein. Oder ein auffälliges Accessoir? Spezielle Schuhe? Ich selbst finde das meist gar nicht so speziell, aber manchmal habe ich schon ungläubige Blicke oder staunende Kommentare ausgelöst, wenn ich mal wieder meinen Auftritt hatte.
Muss man sich nehmen, wie man ist? Wie wurde man eigentlich zu dem, was man darzustellen scheint?
Ich denke, der Aligoté macht sich darum keine Gedanken. Er hat keinen Instagram-Account, keine Fanartikel, bekommt keine Briefe von Leserinnen zugeschickt. Von ihm lernen, heißt Bescheidenheit lernen.
Ich muss sagen, er war lecker, spritzig und als Einstieg in einen genussreichen Abend sehr willkommen. Als ich ihn in Verbindung mit dem Gruß aus der Küche kennenlernte, habe ich mir gleich seinen Namen notiert. Dumm nur, dass ich ihn am Ende des Defiliers fast wieder m vergessen hätte.
Er war sozusagen der Türöffner. Vergleichbar etwa mit dem biblischen Propheten Johannes der Täufer, der einst sprach: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich.“ Ein Beispiel des Dienens,
gewissermaßen ein diakonischer Wein.
Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, ihn nach meinen anfänglichen Schwierigkeiten nun in guter
Erinnerung zu behalten. Und sollte ich morgen wieder die glitzernde rote Lederfliege in Händen halten, möge mir mein neuer Stilberater einflüstern. Etwas mehr Aligoté, mein Lieber! Und ich werde
antworten: Gewiss! Vielleicht! Mal schauen!
Nun, wir sind, wie wir sind. Zum Wohl!

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