Zum Welttag des Buches eine persönliche Geschichte mit der Bibel, dem Buch der Bücher (Auszug aus Laufstege und Holzwege, 2025)

Der 15. Mai 1968 war ein Mittwoch. Ziemlich unspektakulär, außer dem Umstand vielleicht, dass Max Frisch (1911), Madeleine Albright (1937) und Mike Oldfield (1953) Geburtstag hatten.
Auf Platz eins der Single-Charts in Deutschland stand Tom Jones mit dem Song „Delilah”. Bitte nicht nachhören.
An diesem Tag wurde ich als fünftes und letztes Kind von Katharina und Filipp Knittel geboren. Letzterer legte viel Wert auf die unorthodoxe Schreibweise seines Namens mit „f“, die dem Ungarischen
entlehnt war.
Vor einiger Zeit bekam ich eine Spruchkarte geschenkt, auf der zu lesen war, was am 15. Mai 1968 in den Herrnhuter Losungen stand: „Der Herr war mit Joseph, und was er tat, dazu gab der Herr Glück.“
Seit den 1730er Jahren werden diese „Losungen“ in Herrnhut tatsächlich gelost, also aus einem Lostopf gezogen. Für jeden Tag ein Vers aus dem Alten Testament. Diesem wird dann ein Vers aus dem Neuen Testament sowie eine Liedstrophe oder ein Gebet zur Seite gestellt. Manche spotten darüber und betrachten solche Losungen als eine Art Orakel. Andere lesen die Losungen als Gedankenanstoß, wenn
nicht gar Fingerzeig, für das Leben.
Wie sieht das Ganze aber in der Rückschau aus? Wenn ich also im Licht des ausgelosten Bibelverses für den Tag meiner Geburt auf die zurückliegenden Jahre meines Lebens blicke?
Nun, da fällt mir zunächst eine Parallele bezüglich der Familienkonstellation auf. Joseph galt als der zweitjüngste Sohn bei seinen älteren Geschwistern als verwöhnt und vom Vater bevorzugt. Den Jüngsten fällt bekanntlich alles zu, was die Älteren sich hart erarbeiten müssen. Und ich höre noch meinen Bruder klagen, dass die Oma mich bevorzugt und verhätschelt hätte. Er wird Recht haben.
Die Jüngsten müssen zumeist nicht kämpfen. Sie bekommen viel Liebe und Zuwendung, einfach so. Sie dürfen, was die Großen im gleichen Alter nie gedurft hätten. Sie bekommen Geschenke, von denen die älteren Geschwister nicht zu träumen wagten.
Bei Joseph war es so, dass der Vater ihm einen bunten Rock schenkte, den er möglicherweise umgehend als Selfie gepostet hätte, wenn die sozialen Medien schon erfunden gewesen wären. So musste er auf andere Weise damit posen. Auch erzürnte er die Brüder damit, dass er ihnen brühwarm von seinen Träumen erzählte, die ihn in ein gutes Licht stellten, für die Geschwister hingegen nicht vorteilhaft waren.
Ich hoffe, dass der Vergleich nicht in jeder Hinsicht zutrifft. Und doch muss ich feststellen, dass mir tatsächlich vieles unverdientermaßen zugefallen ist. Es gibt schon ein paar Dinge, auf die ich heute stolz bin, aber ich habe eigentlich nie dafür kämpfen müssen. Die Kehrseite ist, dass ich vielleicht zu früh zum Aufgeben neige, wenn das Kämpfen wichtig wäre. Wie Joseph habe ich es nicht gelernt.
Zugleich muss ich mit Beschämung sagen, dass ich zu selten Dank empfinde für das, was mir geschenkt wurde. Vielleicht gehört das zum Leben als Jüngster, dass man vieles für selbstverständlich nimmt. Darum war es wohl auch für mich bestimmt, wenn die Herrnhuter damals den folgenden neutestamentlichen Vers hinzufügten: „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn Jesus und danket Gott, dem Vater, durch ihn.“
Natürlich hat der Vergleich mit Joseph auch seine Grenzen. Zum Beispiel war er sogar eine Zeitlang Minister. Jedoch gewann ich im Vergleichen mit dieser biblischen Figur einige neue Sichtweisen auf mein Leben. Und darum bin ich den Herrnhutern heute irgendwie dankbar, dass sie meinen Pfad mit diesem Wort ausgeleuchtet haben. Von meinen bunten Gewändern konnten sie ja nichts wissen, aber doch passt der fesche Joseph irgendwie zu mir.
Möglicherweise gibt es sogar weitere Parallelen, die mir noch nicht aufgefallen sind. Halten wir also die Augen offen.

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