Neumodisch

Wieder einmal eine „Modepredigt“ (Dresden, Jugendkirche 6.9.26)

Einblick in die Vorbereitung 😉

Neumodisch. Wie geht es euch mit diesem Wort? Nicht alle empfinden es als Kompliment. Eine kleine Umfrage, die ich bei Instagram durchgeführt habe, ergab folgendes Ergebnis: 2 x klingt für mich positiv, 9 x klingt für mich eher negativ, 14 x je nach Kontext klingt es für mich unterschiedlich.

KI sagte mir: „Das Wort „neumodisch“ ist meistens negativ besetzt, kann aber je nach Kontext auch neutral verwendet werden. Es beschreibt Dinge, die neuartig, modern oder gerade im Trend sind. Allerdings schwingt fast immer ein Unterton von Skepsis, Ablehnung oder Spott mit.

Schon vor ungefähr 500 Jahren schrieb Sebastian Brant in seinem „Narrenschiff“: „Wer neue Moden bringt durchs Land, der gibt viel Ärgernis und Schand. Und hält den Narren bei der Hand.“ Liest man dieses Buch von Sebastian Brant, kann man sogar auf den Gedanken kommen, Narrheit wäre am Gewande erkennbar. „Von Narren gab ich euch Bescheid, damit ihr sie recht kennt am Kleid.“

Neumodisch? Na ja! Aber das Gegenteil ist auch nicht gerade attraktiv. Wer von euch möchte altmodisch sein? Dazu findet man im digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache etwa folgende Umschreibungen: archaisch, gestrig, ohne Schick, unmodern. veraltet.

Altmodisch klingt verdächtig nach „schicklich“. Anständig, aber in keiner Hinsicht sexy.

Ich nehme an, die meisten würden am liebsten mittelmodisch sein. Das wäre nicht unmodisch, aber auch nicht übertrieben oder untertrieben modisch. Oberschick oder unterschick ist nicht so gefragt.

Wusstet ihr, dass es Menschen gibt, die sich soziologisch mit der Mode befassen? Wie z. B. René König: „Macht und Reiz der Mode“, eines seiner Bücher. Darin heißt es: man solle sich hüten, in der Mode der erste oder der letzte zu sein. Der erste fällt aus dem Rahmen, den letzten beißen die Hunde.

Aber wenn wir ein bisschen länger darüber nachdenken: Mittelmodisch fällt nun auch nicht gerade nicht groß auf, und im Grunde möchte man gern doch ein bisschen auffallen. Wenn mich keiner wahrnimmt, ist das auch ein bisschen deprimierend.

Wie also? Zu neumodisch: da wird man schräg angeguckt? Zu altmodisch: da wird man belächelt? Mittelmodisch? Da wird man überhaupt nicht gesehen. Unmodisch ist aber auch nicht so gut. Ach ja, es ist schon nicht leicht! Was soll ich bloß anziehen?

Ich persönlich bin der Meinung, dass niemand sich mit Mode sozusagen aus Zwang heraus befassen muss. Vielleicht will mir das die Werbung suggerieren. Ich bin auch gar nicht so interessiert daran, was gerade in ist. Aber die Frage Neumodisch, Altmodisch, Mittelmodisch oder Unmodisch geht ja tiefer. Übersetzt heißt sie: Wer bin ich? Wie will ich erscheinen? Bin ich ein Wegwerfer oder ein Bewahrer? Ein Reformer? Ist es mir wichtig mit der Zeit zu gehen, oder eben der „guten alten Zeit“ treu zu bleiben? Wie viel Wandel ist erstrebenswert? Wie viel Wandel ist möglich? Die Kleidung ist eines der Spielfelder, auf denen solche Diskussionen ausgetragen werden. Und das geht schon ein bisschen in die Tiefe. Was enthüllen denn die Hüllen, mit denen wir uns umhüllen, über uns selbst?

Eine „Modepredigt“ ist sicher nicht das, was man sofort in einer Kirche erwarten würde. Befragt man die Bibel dazu, sollte man nicht erwarten, hier einen Moderatgeber zu finden. Aber doch spielt das Thema Kleidung eine erstaunliche und sehr vielseitige Rolle:

Da wird z. B. von Josef und seinen Brüdern erzählt (ab 1. Mose 37). Er bekommt von seinem Vater ein buntes Gewand, das er total schick findet und auch ein bisschen damit angibt. Die Brüder antworten damit, dass sie ihn kurzerhand in die Sklaverei verkaufen.

Da wird aber auch erzählt, dass Gott selbst den ersten Menschen Röcke aus Fell macht, damit sie nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht frieren. (1. Mose 3)

Die Bibel weiß auch um der Verführungskünste der Kleidung, zum Beispiel in einer Erzählung als Tamar ihren Schwiegervater Juda verführt. (1. Mose 38) Und sie warnt vor übertriebener Pracht: „Euer Schmuck soll nicht äußerlich sein – mit Haarflechten, goldenen Ketten oder prächtigen Kleidern.“ (1. Petrus 3)

Freilich kennt sie auch das Gegenteil, als z. B. der Vater des „verlorenen Sohnes“ bei dessen unverhoffter Rückkehr ausruft: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße.“ (Lukas 15)

Ja, und beim Propheten Jesaja im Alten Testament gibt es sogar eine Aussage, wonach der Messias unter seinen Heilsgaben auch „schöne Kleider“ mit sich führt. Zu seinen Aufgaben zählt es, den Menschen „Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes“ zu überbringen. (Jesaja 61)

Man könnte sagen: die ganze Weite von Glanz und Elend der Mode wird auch in der Bibel thematisiert. Kleider als Gabe Gottes, Kleider als Neidobjekte, Kleider als Waffen der Verführung usw. Stellt sich also wieder die Frage: Was soll ich bloß anziehen?

In der Bibel steht: „Zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand.“ Epheser 4,24 (Übersetzung nach Basisbibel)

Manchmal wäre das wirklich nicht schlecht, wenn man einfach etwas neues anzieht und ein ganz anderer Mensch ist. Was wäre dein „Must have“. Ein Hut, mit dem du in allen Gefahren behütet bist? Eine Jacke des Glücks.? Schuhe des Mutes, mit denen du dich auf ganz neue Wege traust?

Aber man kann eben eine neue Lebensweise nicht einfach anziehen wie eine zweite Haut, ungefähr so wie ein gut sitzende Jeans. Der Wunsch wäre schon da. In diesem Sinne möchten wir doch vielleicht gern neumodisch sein. Manches alte einfach ablegen, das nicht mehr zu unserem Leben passt.

Ihr Lieben, ich glaube nicht, dass wir uns quasi durch unsere Klamotten erlösen können. Das Lieblingsteil mag himmlisch aussehen, aber es ist doch im Grunde ganz irdisch, und leider auch vergänglich.

Aber als ein Bild finde ich diesen Satz aus der Bibel für uns hilfreich. Zieht den neuen Menschen an. Das Anziehen hat nämlich auch eine andere Seite. Es nicht einfach ein aktiver Vorgang, eine Leistung quasi. Anziehen ist auch ein Anziehen-Dürfen. Ein Beschenkt-Werden. Ich jedenfalls möchte die Gewänder meines Lebens als Geschenke betrachten. Mich daran freuen, dafür dankbar sein. Aber nicht als etwas, mit dem ich anderen etwas beweisen muss. Ich ziehe an, was mich anzieht.

Man sieht vielleicht: heute fühle ich mich gut.

Immer wieder habe ich Lust darauf, den Dank und die gute Laune, wenn ich sie denn habe, auch mit meiner Kleidung auszudrücken. Ob diese gerade modern ist, interessiert mich gar nicht so. Aber die Ursprungsbedeutung des Wortes Mode ist eine andere: modus, die Art und Weise. Neumodisch wäre also eine neue Lebensart, weniger auf meine Leistung, auf meine Geltung bedacht, sondern vielmehr auf die frische Ausdrucksweisen meiner Dankbarkeit. In diesem Sinne können wir vielleicht gar nicht neumodisch genug sein. In meinem Buch frage ich auch: Können Kleider glücklich machen? Vielleicht nicht unbedingt, aber sie können Glück ausdrücken. Ich darf mich neu einkleiden, weil Gott mir neue Freude, neue Zuversicht für mein Leben schenkt. Eigentlich ziemlich sexy.

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