
Wie kam es überhaupt dazu, dass ich Theologie studiert und dann 2002 meine erste Pfarrstelle angetreten habe? Das war mir überhaupt nicht in die Wiege gelegt. Aber es wäre vielleicht auch komisch, wenn man Pfarrer würde, weil es von den Eltern her vorbestimmt ist. Ich hätte mir jedenfalls als Jugendlicher nicht vorstellen können, dass ich mal Pfarrer werden sollte. Das schien mir total fern, weit weg von meiner Welt.
Was mir aber schon immer Spaß machte, war mein ehrenamtlicher Einsatz in der Kinder- und Jugendarbeit meiner Kirchgemeinde. Als Kind hatte ich in meiner Kirchgemeinde regelmäßig die Jungschar besucht, einen Kreis für Jungen von 9-13 Jahren. Mit der Konfirmation stieg ich dann gleichsam automatisch zum Mitarbeiter auf, indem ich einfach da blieb. Daneben besuchte ich den Jugendkreis der Kirchgemeinde, wurde auch dort bald zum ehrenamtlichen Mitarbeiter. 1987 geschah es nun, dass ich zu einer Freizeit für junge Erwachsene nach Schloss Mansfeld im Harz fahren wollte. Etwa 14 Tage zuvor wurde ich gefragt, ob ich auch Aufgaben als Mitarbeiter mit übernehmen könnte, da einer der Leiter erkrankt war. Mich überraschte diese Anfrage, aber im Überschwang sagte ich direkt zu. Und so kam ich in ein Mitarbeiterteam, in dem mehrere hauptberufliche Jugendarbeiter waren. So gut ich es eben konnte, brachte ich mich bei der Durchführung der Freizeit ein, dazu zählte die Leitung einer Gruppe, die Übernahme von Themeneinheiten und die Organisation von Wanderungen. (Letzteres war natürlich eine Spezialität für den „Mann der Abkürzungen“).
Gegen Ende dieser Tage wurde ich dann interessanterweise gleich von zweien der hauptamtlichen Jugendarbeiter angesprochen, ob ich eigentlich schon mal über einen kirchlichen Dienst nachgedacht hätte. Meine erste Antwort war zunächst: Nein.
Mit diesen Fragen wurde aber ein Denkprozess in mir angestoßen, der mich längere Zeit beschäftigte. Ich sprach mit einigen Leuten darüber, und alle meinten plötzlich: Ja, warum nicht? Eine kirchliche Ausbildung wäre für dich genau richtig. Und so habe ich tatsächlich überlegt, ob ich mich in Moritzburg für die Diakonenausbildung bewerben sollte. Das kannte ich durch meinen Kantor und auch meinen Jugendwart, die beide Moritzburger Diakone waren. Hinzu kam, dass einer meiner Brüder dort gerade in Ausbildung war. Aber andererseits traute ich mir das nicht zu, und ich hatte ja auch längst einen Beruf.
Es war ein längeres Hin und Her, das ich hier aber kurz fassen will. Ich beschloss, dass es ein einjähriges Praktikum werden sollte. Damals hieß das „Missionarisches Jahr“. Und so wurde ich für ein Jahr Praktikant im Stadtjugendpfarramt Dresden. Mein Haupteinsatzort war Freital, wo ich in einer alten Pfarrscheune (oder war es ein Stall?) zwei kleine Zimmer bewohnte. Nach Dresden und Freital verschlug es mich deswegen, weil die beiden Jugendarbeiter, die mich in Mansfeld auf meine Zukunft hin angesprochen hatten, beide im Stadtjugendpfarramt Dresden arbeiteten. Einer von beiden wurde mein Mentor. Als Kleinstädter aus dem beschaulichen Crimmitschau lernte ich in Dresden eine neue Welt kennen, kirchlich, kulturell, politisch.
Und dann traf ich an einem meiner ersten Arbeitstage als Praktikant zufällig einen Moritzburger Dozenten auf einer Geburtstagsfeier. Dem erzählte ich, dass ich überlegte, mich auch in Moritzburg zu bewerben. Aus irgendeinem Grund erwiderte er aber, ob ich auch über ein Theologiestudium nachgedacht hätte. Das könne man ja auch machen.
Und so kam es nach einer weiteren Zeit des Nachdenkens dazu, dass ich Ende 1988, irgendwie gegen Weihnachten, wenn ich mich recht erinnere, meine Bewerbung für ein Theologiestudium an das Theologische Seminar in Leipzig schickte. Dort gab es die Möglichkeit, ohne Abitur Theologie zu studieren. Man musste dann eine einjährige Vorausbildung absolvieren.
Anfang 1989 wurde ich zu einem Eignungstest nach Leipzig eingeladen. Der verlief sehr interessant. Ich musste vorab ein Buch von Christa Wolf lesen und darüber dann in Leipzig einen Aufsatz schreiben, zum zweiten musste ich eine Art Sprachtest machen. Man hatte in Leipzig aber eine Kunstsprache mit einen Vokabeln und Grammatikregeln erstellt. Der Test sollte zeigen, ob man geeignet sei, die alten biblischen Sprachen zu erlernen. Ein bisschen war es wie Raxli, faxli. Man musste Vokabeln auswendig lernen und in beide Richtungen Sätze übersetzen. Als dritten Teil gab es noch ein Gespräch mit einer Auswahlkommission.
Der Test dauerte einen ganzen Tag lang. Irgendwann später bekam ich dann Bescheid, dass ich zum Studium zugelassen sei.
Zuvor musste ich aber noch meinen Wehrdienst als Bausoldat ableisten. Am 1.11.1989 musste ich mich in Bitterfeld melden. Durch die politischen Veränderungen wurde diese Zeit als Bausoldat dann ganz anders als gedacht. Ab 1.1.1990 war ich in der Unikinderklinik in Leipzig als Hilfskraft eingeteilt. Zuvor war mein Einsatz in Plauen, aber ich konnte einfach durch einen Telefonanruf mit einem anderen die Stelle wechseln, denn er hatte Familie in Plauen und ich wollte ja ohnehin zum Studieren nach Leipzig. In dieser Zeit wohnte ich zunächst im Studentenwohnheim in der Nürnberger Str. in Leipzig, suchte mir dann bald aber eine eigene Bude. Auch konnte ich neben meinem Dienst, bei dem ich gar nicht so viel zu tun hatte, schon mal einen Englischkurs an meiner späteren Hochschule mit besuchen. Mein Dienst bestand übrigens darin, Windeln, Kompressen und anderes zu sterilisieren. Das heißt, ich musste das entsprechende Gerät befüllen, anschalten, etwa 45 Minuten warten, leeren und ggf. wieder befüllen. Das Ganze geschah durchschnittlich dreimal am Tag. Die Behälter mit dem sterilisierten Gut musste ich dann noch auf die Stationen verteilen, aber meist hatte ich nur 3-4 Stunden täglich zu tun. Ich konnte in dieser Zeit also sehr viel lesen und mich schon mal ein bisschen auf das Studieren vorbereiten.
Am 31.8.1990 wurde meine Zeit als „Bausoldat“ vorfristig beendet (eigentlich sollte es 18 Monate dauern, glücklicherweise waren es dann nur zehn) und konnte ich ab 1.9.1990 mit der Vorausbildung am Theologischen Seminar beginnen. Das eigentliche Studium ging dann von Herbst 1991 bis Anfang 1997.
Nach dem ersten Theologischen Examen, das ich im Januar 1997 abschließen konnte, war ich zunächst noch für ein halbes Jahr beim Kirchentag angestellt. Dann hatte ich für drei Jahre ein Doktorandenstipendium und schrieb eine Dissertation über das so genannte „Leben Adams und Evas“ (muss man nicht kennen, ist eine apokryphe jüdische Schrift aus der Antike). Von September 2000 an war ich dann Vikar.
Wenn ich zurückschaue, wundere ich mich immer noch darüber, dass der Weg hin zum Theologiestudium für mich auf einem etwas kuriosen Weg verlief. Vom ersten Tag an habe ich aber das Studium mit großer Leidenschaft betrieben und konnte mir gar nicht erklären, warum ich nicht schon viel früher darauf gekommen bin. Schon früh im Studium beschäftigte ich mich mit dem Plan, eine Doktorarbeit zu schreiben. Später wollte ich Professor werden und hatte den kirchlichen Dienst als Pfarrer gedanklich schon fast etwas abgeschrieben. Dass ich mich für das Vikariat meldete, war eher der Absicherung geschuldet. Dann lernte ich Leute wie meinen Ausbildungspfarrer kennen, und so wurde ich doch Pfarrer. Und als ich das war, dachte ich, warum bist Du das nicht schon viel früher geworden. Die Zeit als Pfarrer in Falkenstein war für mich eine sehr schöne Zeit. Und dann wurde ich doch Professor, aber das ist dann wirklich eine andere Geschichte. Später landete ich im schönen Annaberg-Buchholz. Ich bin dankbar für den Weg, den ich gehen konnte, für alle Stationen, die dazu gehörten. Und ich denke für mich persönlich, dass Gott auch ein Auge mit darauf hatte und mir immer die richtigen Anregungen zur richtigen Zeit schickte.

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