
Mein Plan ist, ein Buch zu schreiben, das vermutlich keines wird.
Eine Fortsetzungsgeschichte wird es wohl werden, die aber nicht wirklich eine Story erzählt. Eine Reihe von Betrachtungen. Tausend Dinge des Lebens! Wer weiß, ob ich so lange durchalte. Jede Woche eine Folge, veröffentlicht in meiner Schnürsenkelkolumne.
Ich bediene mich der Wörter, die ihr mir zuteil werden lasst. Die Liste ist eröffnet. Dank meiner Tochter Hannah, die mir ein erlesenes Potpori von Themenvorschlägen offerierte, darf ich nun den Faden aufnehmen. Und heute erblickt Kapitel 1 das Licht der Welt. Die Community hat darüber abgestimmt, dass dieses eigentlich unsagbare Wort das erste sein soll: Das Schweigen.
Tausend Dinge, Kapitel 1: Das Schweigen
Kurz hatte ich überlegt, ob ich meinen Text über das Schweigen nicht mit etwa 3-5 Leerzeilen beginnen müsste. Ja, mehr noch, ob ein solcher Text überhaupt möglich sei.
Es scheint von Vornherein ein widersprüchliches Unterfangen, wenn man sich dem Schweigen über Wörter und Sätze nähern will. Wer zu sagen vermag, was das Schweigen sei, der ist offenkundig auf dem besten Weg, mit selbigen gerade eben aufzuhören.
Möglicherweise gehört das Schweigen zur Kategorie derjenigen Sachverhalte, über die man nicht sprechen kann, sondern – ganz genau! – besser schweigt. Die meisten wissen natürlich, dass ich mir solche schlauen Sätze nicht ausdenken kann, sondern an dieser Stelle auf einen Großmeister der Sprachkritik anspiele, den Philosophen Ludwig Wittgenstein und seinen „tractatus logico-philosophicus“. Am Ende dieses Werkes steht der vielzitierte Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
Ist das Schweigen also weniger ein Notbehelf, wenn einem etwa die Worte fehlen oder die Tagesration von Worten schon aufgebraucht ist? Sondern vielmehr eine Notwendigkeit? Der Respekt vor dem Unsagbaren?
Aber welche Not vermag es zu wenden? Das ist schon die Frage. Manchmal ist Schweigen ja auch ziemlich unhöflich.
Also, ich persönlich bin vermutlich ein Schweiger, obwohl ich auch viel reden kann, auf der Kanzel zum Beispiel. Aber dann wieder krieche ich sozusagen in mich hinein und schweige mich mit mir selbst aus. Meinen liebem Schatz gefällt das nicht, und ich kann das sogar verstehen. Aber ändern kann ich’s auch nicht so richtig.
Schweigen ist Gold, schon klar. Aber so richtig goldig ist ein Text über das Schweigen auch nicht. In der Bibel steht: Je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit. Das ist gewiss wahr. Manche meiner Worte scheinen mir im Nachhinein tatsächlich als zu viel des Guten. Und zu viel Gutes ist dann leider schon wieder schlecht.
Schweigen kann vielerlei sein: eine Kapitulation genauso wie ein Angriff, Notwehr und Notwendigkeit. Schweigen kann kreativ oder zermürbend sein, Schweigen redet, oder eben auch nicht. Schweigen kann Antwort und Frage zugleich sein. Manchmal ist es eine Form des Atemholens, dann wieder eine Form des Aushauchens. Dementsprechend ist das Schweigen in dem Moment, wo es sich ereignet, schwer einzuordnen. Aber das sind die Worte ja manchmal auch.
Sagen wir mal so: Schweigen ist eine spezielle Kommunikationsform, obgleich sie gelegentlich wie eine Verweigerung derselben wirkt. Darum sage ich: worüber man nicht schweigen kann, darüber sollte man reden. Ansonsten gern auch mal einen Moment stille sein, so wie ich jetzt, wo dieser Text und dieser Tag irgendwie zu Ende gekommen sind. Tschüss, wir lesen voneinander.
Nächste Folge: Der Stolz

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