Tausend Dinge. 2. Der Stolz

Ich vermute, Jane Austen wäre stolz, wenn sie wüsste, dass man ihren Roman noch 200 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe liest. „Stolz und Vorteil“ – so der Titel der deutschen Übersetzung – ist laut einer Umfrage der BBC von 2015 das elftbeste Buch unter den englischsprachigen Werken der Weltliteratur. Wer darauf nicht stolz wäre, ist wohl selbst schuld.

Aber ist es eigentlich gut, stolz zu sein? Darüber gehen die Meinungen naturgemäß auseinander. Der eine meint, alle sollten möglichst über Stolz verfügen; andere fänden es besser, wenn keiner ihn hätte. „Stolz ruft Unheil herbei“, so sagt etwa ein chinesisches Sprichwort, während der gute alte Knigge den Wunsch äußerte, „dass man Stolz als eine edle Eigenschaft der Seele ansähe“. Die einen rücken den Stolz in die Nähe des Hochmuts, die anderen schieben ihn in die Nähe der Tugenden. Arthur Schopenhauer betrachtet den Stolz als die von innen ausgehende Hochschätzung seiner selbst. Diese sei von der Eitelkeit zu unterscheiden, welche den eigenen Wert am Wohlwollen des Publikums bemisst. Die Selbstliebe, wie man den Stolz auch bezeichnen könnte, wäre somit von innen heraus begründet, die Eitelkeit von außen her.

Möglicherweise mischen sich häufig beide Sichtweisen, wenn wir über Stolz sprechen. Daher ist der Stolz wohl zuallererst missverständlich. Er ist eine „riskante Tugend“, wie es in einem Buchtitel von Henning Theissen heißt.

Auf jeden Fall ist es nicht leicht, über ihn zu schreiben. Ich bin auch nicht stolz darauf, dass mein schon vor drei Wochen angekündigter Artikel erst heute erscheint.

Stolz bin ich vor allem auf Dinge, für die ich im Grunde nichts kann (auch wenn ich an kleineren Details mitgearbeitet habe). Das sind etwa „meine“ Familie, „meine“ Annenkirche oder auch manche Erfolge, die völlig überraschend kamen. Geschenke des Lebens an mich. Paradox eigentlich. Typ Leistungsstolz bin ich eher nicht. Manchmal bin ich aber auch zu stolz für das Eingeständnis, dass viele gute Dinge ohne mein Zutun entstehen. Auch stehe ich gelegentlich gern auf einer Bühne und suche dann wohl Beifall. Gibt es also einen falschen Stolz im richtigen, oder einen richtigen im falschen?

„Bild dir nischt ei, bild dir nischt ei! Bist när a Mensch, kast wetter nischt sei. Gruß oder klaa, arm oder reich, ben Afang un ben End sei mer allezamm gleich.“

Anton Günthers Zeilen sind sicher auch für Auswärtige noch einigermaßen verständlich. An den entscheidenden Punkten des Lebens gibt es keinen Unterschied.

Mir scheint, der Stolz gerät dort in Schieflage, wo er sich durch den Vergleich definiert. Schon der Apostel Paulus fiel dieser Torheit anheim, als er sagte: ich habe mehr gearbeitet als sie alle. (Hat er auch selbst zugegeben.) Ein Stolz aber, der quasi ein Ruhen in sich selbst ist – hoffentlich nicht allzu schweigsam! – wäre vielleicht willkommen. Zufriedenheit mit sich selbst, so könnte man das Wort Stolz auch übersetzen. Aber damit sind wir wieder mittendrin in der Debatte. Denn die einen haben wohl zu viel davon, die anderen zu wenig. Genau den richtigen Stolz gibt es offenbar nicht. Und wer ein Stolzometer erfinden könnte, das gleichsam die wohltemperierte Zufriedenheit anzeigte, gewänne sicher irgendeinen Nobelpreis und könnte dann auch stolz darauf sein. Aber wieviel „Stölzle“ – das wäre dann die Maßeinheit! – sind angemessen?

Kommen wir noch einmal auf den Freiherrn von Knigge zurück. Nach seiner Meinung stellt der Stolz ein Bewusstsein innerer Erhabenheit und Würde dar, welches zugleich – und jetzt kommt’s! – einer gefühlten Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln gleichkommt. Wenn der Stolz tatsächlich die Unvorstellbarkeit jeglicher Niedertracht wäre, dann schenkt uns gern mehr davon ein! Zum Wohle!

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