Tausend Dinge. 3. Schach

Meine Karriere als Leistungssportler

Mit etwa 10 Jahren war ich Letzter. Letzter bei der DDR-Meisterschaft im Schach. In Zahlen ausgedrückt, war das der 40. Platz. Mein einziger Trost war, dass ich gegen den Neununddreißigsten gewonnen hatte. Aber das half mir auch nicht viel. Ich schämte mich. Unter Tränen teilte ich meiner Familie mit, welchen Platz ich belegt hatte.

Und dann kam auch noch ein weiteres Problem hinzu. Die Schachpartien wurden von den Spielern während des Wettkampfs mitgebschrieben: Springer F3, Dame G4 usw. Das diente dazu, die Spiele hinterher noch mal auszuwerten. Meine Spielprotokolle waren allerdings irgendwie nass geworden und zu großen Teilen nicht mehr lesbar. Darum habe ich die Partien zuhause noch einmal nachgespielt, so wie ich sie halt in Erinnerung hatte. Meinem Trainer verriet ich das natürlich nicht. Ich tat so, als hatten die Partien tatsächlich so stattgefunden. Man könnte es Urkundenfälschung nennen. Aber es gab ja ohnehin nicht viel positives zu analysieren. Vielleicht waren meine Erinnerungsprotokolle auch etwas beschönigt, genau weiß ich das nicht mehr. Die Ergebnisse konnte ich sowieso nicht mehr verändern. Das wäre die einzig schöne Lösung gewesen. Aber dann hätte ich es schwer gehabt zu erklären, warum ich trotz so vieler Siege Letzter wurde. So blieb ich notgedrungen bei der Teil-Wahrheit: 8 von 9 Spielen verloren. Wie die Spielzüge im Detail verliefen, ist dann recht belanglos.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass Schach tatsächlich eine Sportart ist. Die Zweifler mögen sich vielleicht durch folgenden Dialog belehren lassen, den ich vor längerer Zeit einmal im Internet fand (badische-zeitung.de): Frage „Viele Menschen fragen sich, warum Schach ein Sport ist. Beide Spieler sitzen sich ja bloß gegenüber und bewegen sich nicht selbst. Erklär’s mir!“ Antwort: „In der Tat kann man grübeln, ob Schach ein Sport sein soll. Es gibt aber gute Gründe dafür. Schach ist ein Denksport. Der Sieg hängt nicht vom Glück oder vom Zufall ab, sondern vom Können. Deshalb gilt das Glücksspiel Poker etwa nicht als Sport.“ Dem muss ich nichts hinzufügen.

Wie kam es aber dazu, dass ich an der DDR-Meisterschaft teilnahm? Ich war 8 oder 9 Jahre alt, als ich an der Spartakiade teilnahm. Das waren sportliche Wettkämpfe, zu denen man in der Schule eingeladen wurde. Sie fanden in verschiedenen Sportarten statt. Ich habe später z. B. auch am Rückenschwimmen oder am Rudern teilgenommen. Damals, es war eine Winterspartakiade, nahm ich also am Schachwettkampf meiner Altersklasse teil. Und, wer hätte es gedacht, ich gewann eine Medaille. Es muss Silber oder Bronze gewesen sein. Bis dahin war ich ein Hobbyschachspieler, der gelegentlich mit dem Vater oder den Brüdern spielte. Nun wurde ich aber von der „Scouting-Abteilung“ der BSG Post Crimmitschau eingeladen, einmal pro Woche zum Training zu kommen. Damit wurde ich auch zugleich Teil des Wettkampf-Teams, das nach Brettern eingeteilt war. Am ersten Brett spielte der beste von insgesamt sechs Spielern einer Mannschaft. Sechstes Brett …, na ja. Ich war mehr so in der zweiten Hälfte der Bretter. Nicht immer sechstes, aber nach meiner Erinnerung niemals erstes Brett.

Aber irgendwie kam es, dass ich zur Bezirksmeisterschaft delegiert wurde. Und jetzt kommt eine Geschichte, die man vielleicht heute mit Videoschiedsrichtern klären würde. Am Ende gab es zwei Spieler, die punktgleich auf dem dritten Platz waren, einer davon war ich. Da es nur einen dritten Platz geben sollte, wurden die Punkte der jeweiligen Gegner addiert, gegen die jeder gespielt hatte. Die Logik war vermutlich: Wer die Gegner mit der höheren Punktzahl geschlagen hat, muss der bessere Spieler sein. Ergebnis: Gleichstand. Jetzt wurden die Punkte der Gegner der Gegner addiert. Dabei kamen relativ hohe Punktzahlen zustande. Ich hatte 2 Punkte weniger als mein Kontrahent (bei einer Zahl von etwa 230 nicht viel) und wurde somit Vierter.

Als ich nach Hause zurückkam, war mein Trainer entrüstet. Er war der Meinung, beide hätten den dritten Platz verdient. Und so bekam ich etwa nach vier Wochen einen Brief mit einer Urkunde, die besagte, dass ich den dritten Platz bei der Bezirksmeisterschaft im Schach belegt hätte. Daraufhin war ich sozusagen automatisch für die DDR-Meisterschaft nominiert. Siehe oben.

Meine Schach-Karriere währte nicht lang. Heute hätte ich Lust, mal wieder eine Partie zu spielen. Denn dazu kommt es äußerst selten.

Viellicht hätte ich doch besser Fußballer werden sollen.

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