Erinnerung an das Kloster zu Annaberg. Knittels Kolumne Folge 33

Als Herzog Georg im Jahre 1502 Johann von Schleinitz, damals Bischof zu Meißen, um seine Meinung zur Errichtung eines Klosters in Annaberg bat, antwortete dieser sinngemäß, die Mönche würden es hier wohl nicht lange aushalten. Er sollte recht behalten. Das Kloster, dessen Grundsteinlegung im Februar benannten Jahres erfolgte, wurde bereits 1539/40 nach Einführung der Reformation in Annaberg wieder aufgelöst.
Fürwahr keine lange Zeit, in der die Franziskanermönche in Annaberg lebten. Gleichwohl hat das Kloster unsere Stadt nicht unerheblich mit geprägt. Ihm verdanken wir z. B. die Schöne Tür in St. Annen, welche ursprünglich zur Klosterkirche gehörte und den Gläubigen damals Ablass verhieß. Dem Kloster verdanken wir die Altäre der Buchholzer St. Katharinenkirche sowie manche bedeutenden Buchschätze, welche heute Teil der Annaberger Kirchenbibliothek sind. Nicht zuletzt ging aus dem Kloster, wenn auch von diesem nicht unbedingt gewollt, ein wichtiger Reformator in Sachsen und Thüringen hervor, Friedrich Myconius, der 1524 in Buchholz die erste evangelische Predigt hielt.
Und darum halte ich es für nützlich, gerade in diesem Monat wieder einmal an die Geschichte des Annaberger Klosters zu erinnern. Im Oktober 2026 jährt sich zum 800. Male der Todestag des Ordensgründers Franziskus von Assisi, der unter anderem an der Schönen Tür in St. Annen zu betrachten ist. Er stammte gewissermaßen aus der Modebranche, denn sein Vater war ein wohlhabender Tuchhändler. Mit 14 Jahren trat Franziskus als Kaufmann in das Unternehmen des Vaters ein. Nach alten Quellen war er offenbar ein Dandy der mittelalterlichen Zeit, pflegte einen ausschweifenden und kostspieligen Lebenswandel. Bald aber brach er mit seiner illustren Vergangenheit, legte die schicken Roben ab und scharte sich unter die Bettler. Er führte ein Leben in Armut und gründete schließlich eine Bewegung von Gleichgesinnten, aus der der Orden der geringen Brüder hervorging, die später so genannten Franziskanermönche.
1502 kam dieser Armutsorden auch nach Annaberg, von Herzog Georg höchstpersönlich kam die Einladung dazu. Ein bisschen paradox ist es, dass sich heute auf den alten Überresten einer Armutsbewegung das Finanzamt befindet. Nun ja, vielleicht hat das seinen Sinn darin, dass das Annaberger Kloster zugleich als Repräsentationsort des Herzogs diente. Die Mönche waren Bettelmönche, ihr Kloster war wiederum ein Ausdruck landesherrlicher Macht. Wenn der Herzog sich in Annaberg aufhielt, nahm er hier Quartier.
So war und das Kloster wohl ein Ort, der Gegensätze in sich vereint. Armut und Hoheit, neue und alte theologische Gedanken, wie sie z. B. in der Biographie des Friedrich Myconius spannungsreich zusammentrafen. Die Klosterkirche war Ort katholischer und evangelischer Gottesdienste, später führte übrigens die Lateinschule hier auch ihre Schulkomödien auf.
Das Kloster war auch Schauplatz manch kurioser oder gar grausamer Begebenheit. 1514 ereignete sich hier ein Aufsehen erregender Mordfall, als der nach Annaberg zugewanderte Nürnberger Ratsherr Johann Wengenmair umgebracht wurde, vermutlich im Auftrag des Nürnberger Rates. Eine Gedenktafel an der Klosterkirche erinnerte an dieses Vergehen. Man hört, das Grab Wengenmairs wurde vor einigen Jahren bei Grabungsarbeiten im Klosterbereich entdeckt.
1519 nahm Bischof Johann von Schleinitz die Firmung von mehr als 2000 Kindern in der Klosterkirche vor. Dieser „Kraftakt“ hat ihn nach alten Quellen so beansprucht, dass er nach der Firmung Nr. 2336 in Ohnmacht fiel und die Handlung nicht fortsetzen konnte. Es blieben etwa 400 Kinder übrig, die dann auf den nächsten Firmungstermin warten mussten.
Das Kloster hatte auch eine Glocke, welche 1517 vom Blitz getroffen wurde und in Einzelteile zerbarst. 1534 fand ein Fürstentag im Kloster statt. 1540 wurde es endgültig aufgehoben. Überliefert ist, dass der erste evangelische Superintendent von Annaberg eine zu schwache Stimme hatte und daher nicht in der Annenkirche predigen konnte. Er hielt deshalb seine Predigten in der (inzwischen evangelischen) Klosterkirche.
Wenn man das Kloster heute wahrnehmen möchte, muss man – wie eingangs erwähnt – neben den Überresten der Klosterkirche und dem Finanzamt auch die St. Annen- und die St. Katharinenkirche aufsuchen. Ein Klosterrundgang wäre also nur als Stadtspaziergang möglich. Manche Orte haben nicht lange Bestand, aber sie bleiben durch ihre „Früchte“ präsent. Und manches, was es nicht mehr gibt, ist immer noch da.

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