
Kanzelphobie. Wenn du als Pfarrer damit zu tun bekommst, kann das zum Problem werden. Nun, ich habe mich damit arrangiert. Es gibt Kanzeln, die ich meide, weil sie mir zu hoch erscheinen. Dann predige ich eben vom Lesepult aus, was ja auch kein größeres Problem ist. (Neulich ist es übrigens passiert, dass ich aus einem ganz anderen Grund nicht auf die Kanzel konnte. Der Schlüssel war verschwunden.)
Andere Kanzeln wirken auf mich sicher und verlässlich. Mit denen habe ich kein Problem. Entscheidend ist für mich die Höhe und die Stärke der Brüstung.
Ja, es stimmt schon. Die Höhenangst ist ein irrationales Phänomen. Die Furcht beim Aufenthalt in einer Höhe steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr (Wikipedia). Nach meiner Beobachtung ist das Furchterregende nicht die Höhe an sich. Viel wichtiger ist zum Beispiel, ob ich mich in der Situation allein um mich oder auch um andere kümmern muss, etwa meine Kinder. Von großer Bedeutung ist auch die Frage, wo ich mich festhalten kann, und wie verlässlich der „Anker“ wirkt. Höhenangst ist sicher vor allem Kopfkino. Und sie entwickelt sich offensichtlich mit uns mit. Es gibt Höhen, die ich heute meide, obwohl ich früher keine Probleme damit hatte. Und es gibt auch solche, die ich heute mutig aufsuche, obgleich ich gestern noch davor zurückgeschreckt wäre.
Höhenangst begleitet mich schon mein Leben lang, und früher war sie mir peinlich. Heute habe ich mir zwei Dinge vorgenommen, die mal mehr, mal weniger gelingen. Erstens: Keine Furcht vor dem Eingeständnis. Der größte Mut ist aus meiner Sicht der, sich die eigene Angst einzugestehen. Zweitens: Man kann der Höhenangst auch mal widersprechen. Nicht immer, aber ab und an. Letzten Sommer habe ich mir z. B. in Südtirol zwei Bergtouren vorgenommen, die ich mir eigentlich nicht zutraute. Zwischendurch habe ich es bereut, hinterher war ich dankbar und auch ein bisschen stolz. Und im Ernstfall ist ja immer noch meine liebe Wandergefährtin dabei. Die schreckt vor nichts zurück.
Nun, was soll ich sagen? Höhenangst ist Mist, aber im Grunde kein Problem. Und da man sich vielleicht nicht zu viele Gedanken darüber machen sollte, ist die Kolumne auch nicht so lang geworden. Habt Mut zur Angst und im zweiten Schritt zum Trotz: hier will ich jetzt hoch. In begründeten Ausnahmefällen kann der zweite Schritt auch unterbleiben.
Und zum Schluss noch dies: „Auch mit Höhenangst kann man in den Himmel kommen.“ (Hermann Lahm)

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