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Dichten und Denken in Annaberg-Buchholz
Zuerst veröffentlicht in Knittels Kolumne, Stadtanzeiger Annaberg-Buchholz, Ausgabe für April 2024 „Gesellig, freundlich, kostfrei, kurzweilig, schwatzhaftig und lustig.“ Mit diesen Worten charakterisierte seinerzeit der Chronist Paulus Jenisius die Wesensart der Erzgebirger. Das Wort „poetisch“ fehlt in der Aufzählung. Gleichwohl habe ich mich gefragt, welche Freundinnen und Freunde des geschriebenen Wortes unsere Stadt hervorgebracht hat. Den
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Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Der Theologe und die Mode
Vor einiger Zeit war ich in den Straßen Annabergs unterwegs. Unversehens sprach mich eine ältere Dame an: Ach, einer mit Fliege! Das muss der Pfarrer sein! Ich wurde gebeten, für eine Zeitschrift in Radebeul einige Gedanken zu Mode und Theologie aufzuschreiben. Nun, da ist zunächst zu sagen, dass ich mich die meiste Zeit meines
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Die Aufgussparabel
Für Friederike Zwei, drei Jahre wird es wohl her sein, da hörte ich, Huberts Kelle sei gestohlen worden. Hubert ist ein kunstfertiger Aufgießer in einer Sauna, die ich bis heute gern besuche. Er hatte sich die Kelle, wenn ich’s mir recht gemerkt habe, eigens anfertigen lassen. Und sie passte gut zu seinem Verständnis eines perfekten
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Der arme Poet
Niemand kennt sein Werk, aber fast jeder sein „Gesicht“. Der arme Poet. Spitzweg berühmtestes Gemälde hat ihn unsterblich gemacht. Wir sehen ihn vor uns mit Schirm und Nachtmütze. Seine Kammer ist beengt, das Dach undicht, an Brennstoff herrscht Not, aber sein Geist leidet keinen Mangel. Mit Büchern hat er sich umgeben, die ihm die große,
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Das „Neinerlaa“ für 2024
Meine Wünsche zum Neuen Jahr für die Leserinnen und Leser der Schnürsenkelkolumne Im Erzgebirge isst man Neunerlei. Zu Weihnachten. Und jede der neun Speisen hat eine Bedeutung. Die Linsen stehen z. B. dafür, dass dir das Kleingeld nicht ausgehen möge. Alles weitere verrät dir der Google-Translator: Erzgebirgisch – Deutsch. Was aber die wenigsten wissen: Neunerlei
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Wider den Stoffmangel
Jüngst erwarb ich eine feine kleine Wichtelschneiderei auf dem Annaberger Weihnachtsmarkt. In Betrachtung derselben wurde mir bewusst, dass dem Stoffmangel durchaus noch beizukommen wäre. Nicht wenigen wird es ähnlich gehen: an Stoff mangelt es, wo immer man kreativ werden möchte. Mir fehlt Stoff, so spricht etwa der Poet, dem es an Reimen gebricht. Die Redakteurin
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Gelbes Tuch
In meiner Serie über die Farben gibt es inzwischen Texte zu blau, orange, violett, rot und mit diesen Beitrag nun auch zu gelb. Dass ich Dynamo Fan wurde, ist mir vermutlich in die Wiege gelegt. Tut mir leid. Wenn man Frank M. Scheelen und seinem 4-Farben-Modell glauben darf, spricht tatsächlich vieles dafür, dass ich ein
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Der letzte Schrei
Mein letzter Schrei ereignete sich in Anbetracht einer Motte, die sich an meinem Lieblingspullover gütlich getan hatte. Ansonsten mag ich es nicht so laut, wenn es um Kleidung geht. Es bringt mich nicht zum Kreischen, wenn die Haute Couture zum Schaulaufen ruft. Höchsten könnte es geschehen, dass der eine oder die andere mein Outfit zum
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Flamenco geht auch ohne Tanzen
Auszug aus dem Programm „Flamenco – wir sehen rot“ von @farbeabstrakt und @einfach.james Seit Sommer 2014 wird der Flamenco in Andalusien als eigenes Schulfach unterrichtet. Für mich kommt das freilich zu spät, denn just zu diesem Termin jährte sich meine Einschulung zum vierzigsten Mal. Auch die später behelfsmäßig nachgeholte Tanzschule ließ mich nicht zum Virtuosen
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Genuss statt Verdruss. Biblische Gedanken über den Wein
Wer Urlaub hat, macht sich Gedanken über dies und das, wie etwa die Frucht des Weinstocks und wie mit ihr umzugehen wäre. Nun denn. Am Anfang schuf Gott den Wein. Natürlich ist das, wie so oft, nur die halbe Wahrheit. Denn am Anfang schuf er natürlich zunächst einmal den Himmel und die Erde, das Licht
